Ideologie-Kritik

(Deutsch) 7 offene Beziehungs Mythen, die jeder nachquatscht

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11 Comments

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    Sam
    Tuesday November 15th, 2016 at 01:43 AM

    Würde ja gerne rumnörgeln und rumkritisieren, aber der Artikel ist wirklich on point. Vielen Dank dafür, meines Erachtens einer deiner besten!

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    Lotta
    Saturday December 17th, 2016 at 11:44 PM

    Der Abschnitt >Mythos 1: „Selbstliebe ist die Lösung für alles.“< hat mir besonders gefallen. Ich gehöre zu der Sorte von Menschen, die diesen Tipp gerne gibt. Ich komme aus dem sozialen Bereich und habe diesen Tipp schon häufig reflektiert. Mir ist dennoch jetzt nochmal bewusst geworden, was dieser Tipp mit dem Gegenüber möglicherweise macht. Ich werde in Zukunft vorsichtiger damit umgehen, auch wenn ich immernoch hinter diesem Ratschlag stehen. Ich sehe das allerdings nicht so schwarz/weiss. Nur weil man sich selber nicht liebt, kann man durchaus andere Menschen lieben. Aber es vereinfacht doch ungemein Dinge, wenn man sich selber mag. "Lieben" ist vielleicht zu hochgegriffen. Wenn man selber weiß, was sind meine Stärken und was sind meine Schwächen. Wenn man auch etwas mit sich selber anfangen kann, ohne sich über andere Menschen zu definieren. Ich möchte keinem absprechen, wen oder wie er liebt. Die Gefühle gehören jedem alleine. Ich denke aber schon, dass es deutlich schöner/einfacher ist, wenn man sich selber leiden kann. Aus eigener Erfahrung sowie aus beruflicher Erfahrung. Ich gebe den Tipp auch selten alleine, ich füge immer hinzu wie man dorthin gelangen kann und versuche meine Worte so zu wählen, dass es MEIN Weg war und jeder einen eigenen Weg zu gehen hat. Man darf sich auch seiner scheiße finden, das tut jeder mal. Aber etwas schön zu reden indem man sagt "du musst dich nicht selber lieben, finde dich halt scheiße und definiere dich über andere Menschen und ziehe diese noch mit runter" ist auch nicht toll. Ich habe den Abschnitt gerne gelesen und werde behutsam mit dem Tipp umgehen, dafür danke ich dir. Aber ein Mythos ist der Tipp bei Weitem nicht. Selbstliebe, oder sich selber mögen, reflektieren und mit sich alleine klar zukommen, sind definitiv eine starke

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    Marcus
    Thursday December 29th, 2016 at 01:39 AM

    Lieber Leo, danke für diesen spannende Artikel. Allerdings ist für mein Verständnis Deine Widerlegung von Mythos 1 leider etwas zu einseitig ausgefallen. Hier meine Gedanken dazu:

    Warum das faktisch KEIN Quatsch ist?

    Leider ist es richtig, wenn du sagst, dass es viele Menschen gibt, die sich selbst nicht sonderlich gut leiden können. Damit ist auch nicht gleich gesagt, dass diese Menschen völlig liebes-unfähig sind. Aber trotzdem ist es doch überaus hilfreich, sich selbst anzunehmen und zu mögen, vor allem im Bereich der Beziehungen. Wenn du sagst, dass es Menschen gibt, die sich selbst nicht lieben, aber andere Menschen haben, die sie mögen, lieben und pflegen, ist damit nicht immer gesagt, dass diese Menschen aus einer echten Liebe heraus agieren, das kann auch viele andere Gründe haben, wie Hilfsbedürftigkeit, Abhängigkeit oder gut zusammenpassende Neurosen. Ich denke, dass du mit deiner Aussage darauf hinaus willst, dass jeder Mensch, so wie er ist, ok ist. Dies ist ein guter Ansatz und im Endeffekt ist dies ja bereits der erste Schritt zur Selbst-Annahme, aber ich denke auch, dass man vorsichtig damit sein muss, der Selbstliebe ihre Wichtigkeit abzuschreiben, da es sonst dazu führen könnte, dass Menschen die Motivation verlieren, an ihrer Selbstliebe zu arbeiten. Damit kommen wir zu Punkt 2.

    Warum das als Tipp KEIN Quatsch ist?

    Meiner Meinung nach bringt es sehr viel, wenn man weiß, dass Selbstliebe etwas Schönes wäre. Denn tatsächlich ist es durchaus möglich, Selbstliebe zu finden. Und das gehört meiner Meinung nach zu dem Wichtigsten, das man für sich selbst und für alle Anderen tun kann. Es kann natürlich ein sehr harter und steiniger Weg sein, aber jeder kleine Schritt in diese Richtung kann sich überaus gut anfühlen. Hier nur ein paar der Möglichkeiten, die es gibt: Therapie, Hypnose, Arbeit mit dem inneren Kind, Meditation. Im Grunde geht es darum, sich mit sich selbst zu konfrontieren, zu schauen, wo falsche Glaubenssätze vorherrschen und wo Traumata bestehen und diese dann aufzulösen. Grade die Meditation bietet hierbei viele Möglichkeiten in vielen Traditionen. Im Theravada gibt es die Metta-Meditation (Liebende Güte, die man mit sich und anderen trainieren kann) und im Tibetischen Buddhismus die Tonglen-Meditation (Aussenden und Annehmen, was auch im Bezug auf einen selber geschehen kann).

    Warum das moralisch KEIN Quatsch ist?

    So wie ich das verstehe, sagt ja keiner, das man keine glückliche Partnerschaft verdient hat. Aber darauf hinzuweisen, dass Selbstliebe sowohl für einen selbst als auch für die Partnerschaft als auch für alle Menschen, denen man im Leben begegnet, überaus hilfreich und angenehm sein kann, ist doch wohl moralisch keineswegs verwerflich, wenn nicht sogar notwendig. Man sollte natürlich auch hier, wie du das auch in der Kommunikation mit dem Partner und dem Experimentieren in einer offenen Beziehung beschreibst, sehr behutsam und entspannt vorgehen. Erst mal sich selber annehmen mit seinen Problemen, sich dann umschauen, was man dagegen tun könnte und ganz liebevoll und sanft mit Unterstützung des Partners damit beginnen.

    LG, Marcus

    • Reply
      Leo
      Friday January 6th, 2017 at 05:42 PM

      Hallo Marcus!
      Danke für deinen Kommentar.
      Zu dem Tipp Teil: Ich kenne das leider oft so, dass es eher “imperativ” formuliert wird also: “Um zu lieben musst du erst mal dich selbst lieben.” Und das Selbstliebe etwa gutes wäre, wusste bisher jeder Mensch den ich getroffen habe, der damit ein Problem hatte.
      Natürlich ist es gut an sich selbst zu arbeiten. Das sollte man aber völlig unabhängig davon tun, ob man gerne einen Partner finden möchte oder nicht. Die Menschen die ich kenne haben leider wenig “behutsam und entspannt” Tipps bekommen. Es ging eher meistens in die Richtung, dass wer sich nicht selbst lieben kann einfach kein vollwertiger Liebespartner ist. Und das halte ich für falsch.

  • Reply
    Tecor
    Friday January 6th, 2017 at 06:21 AM

    “Oft ist weder klar wie der spezifische Verlauf einer Krankheit ist, noch was diese Krankheit genau ausmacht oder in welchen Symptomen sie sich äußert. Und am aller wenigstens wie sich das auf die Partnerschaft auswirkt.”

    Falsch. Dass es bspw. bei Borderlinern (BPS) vielfach eine promiske Veranlagung gibt und sie zu offenen oder heimlichen Poly-Beziehungen neigen, ist kein Geheimnis. Noch viel weniger Geheimnis ist, durch welches spezifische Verhalten der Borderline-Struktur es zu charakteristischen Beziehungsproblemen kommt, die zu Missbrauch und wiederholten, insbesondere seelischen Verletzungen innerhalb der Partnerschaften führen. Es spielt dabei schon eine Rolle, inwiefern sich Betroffene ihrer BPS stellen und reflektierten Umgang damit haben oder nicht… auch die Partner und Angehörigen. Aber die Tatsache, dass BPS Betroffene IMMER sowohl Spaltung, Idealisierung, Abwertung, als auch die damit verbundene projektive Identifikation nutzen (als Überlebensmechanismus) ist empirisch und wissenschaftlich sicher. Die Tatsache ebenfalls, dass man mit diesen Mechanismen zwar lernen kann besser umzugehen, aber sie niemals zu heilen sind. Wer von “geheilten Boderlinern” spricht, wird erkennen müssen, dass es sich dabei um eine Falschdiagnose, in etlichen Fällen dafür um eine posttraumatische Belastungsstörung gehandelt hat, die den BPS Symptomen sehr ähnlich ist.

    • Reply
      Leo
      Friday January 6th, 2017 at 05:59 PM

      Hallo Tecor, vielen Dank für deine Meinung!
      Du hast jetzt quasi gezeigt, dass du dich vorher über Borderline informiert hast. Das ist allerdings meine Erfahrung nach bei wenigen Menschen überhaupt der Fall bevor sie z.B. Menschen mit Borderline PS stigmatisieren und abwerten.
      Außerdem weiß ich nicht woher du die Sicherheit hast zu behaupten überhaupt irgend etwas in der Medizin wäre “immer” so. Dies ist so gut wie nie der Fall.

      Zu deiner Information: Die Borderline PS nach den aktuellen DSM 5 Kriterien setzt sich aus 9 Kriterien zusammen, von denen 5 erfüllt sein müssen um eine BPS zu diagnostizieren. Das was du beschreibst ist unter: “2. Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.” zusammengefasst.
      Wie du siehst ist das nur eines von 9 Kriterien und man kann eine tatsächliche und korrekt diagnostizierte BPS haben ohne dieses Kriterium jemals zu erfüllen.
      Ebenfalls stimmt es nicht, dass Borderline nicht geheilt werden kann. Es gibt keine “Heilung” in dem Sinne für Persönlichkeitsstörungen im Allgemeinen. Es ist aber relativ oft der Fall, dass im Verlauf eine erhebliche Besserung der Symptomatik eintritt, damit die Diagnosekriterien nicht mehr erfüllt sind. Hier kann man also formal von “Heilung” reden.
      Auch hier wieder Wikipedia Zitat: “Eine völlige Erholung, die mindestens zwei Jahre andauerte, erlebten 60 % der Patienten, und eine völlige Erholung, die mindestens acht Jahre andauerte, erlebten 40 % der Patienten.”
      Was ist die Schlussfolgerung aus all diesen Daten?

      Das man sich selbst wenn jemand eine BPS hat, dies keineswegs heißt das derjenige unfähig ist eine liebevolle Beziehung zu führen oder unbedingt für eine Beziehung schwer zu verkraftende Muster zeigen muss. Es kommt auf die Einzelperson an und so etwas kann sich auch ändern. Noch dazu kann es sein, das man einen Partner hat der mit diesem Muster aus welchen Gründen auch immer sogar gut zurecht kommt. Hinzu kommt die von dir erwähnte Problematik dass diese Diagnose manchmal ohnehin falsch gestellt wurde.
      Ich weiß also nicht woher du deine absoluten Aussagen oder Gewissheit nimmst, dass Menschen mit einer BPS eine Ausnahme wären zu der “allgemeinen Liebesunfähigkeit psychischer Erkrankrungen” und grundsätzlich immer Beziehungsfähig, anhand der Datenlage ist diese Aussage allerdings nicht haltbar.

      Es tut mir Leid, falls du mit BPS-Partnern schlechte Erfahrungen gemacht hast und finde es völlig in Ordnung wenn du aufgrund dieser schlechten Erfahrungen dich von Menschen mit dieser Diagnose fern halten möchtest. Schließlich haben wir alle unsere Narben und Präferenzen. Ich möchte dich allerdings bitten, keine Verallgemeinerung daraus zu ziehen und auch nicht gegenüber anderen Menschen zu verbreiten. Damit trägst du zur Stigmatisierung dieser Diagnose bei und machst es so betroffenen schwerer diese Diagnose anzunehmen und im schlimmsten Fall sogar überhaupt Hilfe anzunehmen.

      Viele Grüße,
      Leo

      • Reply
        Tecor
        Saturday January 7th, 2017 at 02:20 AM

        Im Grunde geht es beim Großteil von Menschen, die mehr als einen Intimpartner benötigen, um sich erfüllt, im Zenit ihrer Wünsche oder sonstwas zu erleben, um einen Mangel, den “ein” Partner vermeintlich nicht verpflastern kann.

        Natürlich kann man sich zu mehr als einem Menschen hingezogen fühlen, auch auf verschiedene Weise, das kennen viele, aber das Entscheidende ist doch zu welchem PREIS! Zu Lieben bedeutet doch, als etwas ganz zentrales auch, zu wissen was dem Geliebten weh tut.

        Wenn Polyamorie natürlich sei, ist es Eifersucht/Exklusivitätsanspruch/Verlässlichkeit/Wer ist da wenn ich in Not bin/ ebenso. Wer nimmt sich das Recht zu entscheiden, welche dieser Bedürfnisse befriedigt werden dürfen und welche man besser “wegoptimieren”, zurückstellen sollte?

        Es geht auch um psychische Gewaltformen wie zb. das Aufbauen von “hintenrum”-Mobbing gegen Einzelne. Es geht um Vorwürfe gegen Leute von Leuten, die sich selbst nie Vorwürfen gestellt haben. Es geht um Machtspiele, um Verantwortungslosigkeit, um Wahrnehmungs-Streits, um Beziehungskonstruktionen und um menschliches Miteinander.
        Weil es ihnen eben nicht um das in Schutz nehmen einer Freiheit geht, sondern darum eine Freiheit ÜBER das Bedürfnis von etwas zu stellen,von dem sie behaupten, es würde diese Freiheit missachten oder verletzen, obwohl SIE diejenigen sind, die die Freiheit sich gegen eine andere Freiheit durchsetzen zu müssen, in Frage stellen.

        Mehrere Partner gleichzeitig anzuzapfen, in diesen ohnehin schon für zwei anspruchsvollen
        Herausforderungen an Liebe, birgt nicht nur erhöhten Aufwand, sondern eine
        erhöhte Wahrscheinlichkeit das Geliebte in ihren Bedürfnissen zu verletzen,
        bzw. sie wie Objekte zu behandeln, die sie nicht in ihrer Gesamtheit als Mensch
        annimmt, sondern auf bestimmte Funktionen reduziert werden. Wenn jemand mit seinen
        Bedürfnissen einen Partner überfordert, zb. nach erfüllender Sexualität, kann
        er ja durchaus weiter daran festhalten, sich dann allerdings nicht als
        Freundschaft sondern noch als Paar zu beschreiben, was wesentliche Bedürfnisse
        auf andere auslagert, empfinden viele berechtig als Augenwischerei, sich in die Tasche lügen und
        unpassend für die überwiegende Vorstellung erfüllender Paarbeziehung.

        Ein wesentlicher Punkt dabei ist aber zuallererst:
        Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung!

        von Montag bis Sonntag. Von der Früh bis zum Abend.
        Der nicht nur physisch erwachsene Mensch lebt ein verantwortungsvolles Leben:
        Er muss einem Beruf nachgehen. Danach muss er sich erholen, sich um seinen
        Lebenspartner (und die gemeinsamen Kinder) kümmern. Danach kann er mit seiner
        Frau/seinem Mann schlafen oder auch nicht. Danach: einschlafen. Morgen:
        aufstehen! Wochenenden sind ein bisschen anders: Hier kann er sich, wenn er
        noch die Energie hat, eingehender um seine Familie kümmern, Freundschaften
        pflegen, Reisen, gelegentlich einmal ein Buch in die Hand nehmen und so weiter.
        All das geht kaum in einem einzigen Leben vorhandener Wochen-Zeit auf.

        Der Polyamorist will weismachen, dass er nicht nur einen Partner eingehend
        lieben kann , ihm Sicherheit geben, die gemeinsamen Kinder ökonomisch wie
        emotional versorgen, sondern viele. Der Polyamorist lebt nicht in der
        40-Stunden-Wochen-Welt. Die ethische Polyamorie ist praktisch unmöglich. Selbst wenn die Energie grenzenlos wäre, die Zeit ist es nicht. Die quantitative These, more lovers=more love ist Unsinn.

        Ganz zu schweigen von der Veranlagung und Prägung etlicher Menschen, der
        Zugehörigkeit (zu einer primären Bezugsperson, später dann einem Partner) eher
        alles zu unterwerfen, als allein zu sein. Die Angst bei solchen so groß ist,
        dass sie prädestiniert sind zum Missbrauch und eher jede Erniedrigung in Kauf
        nehmen, als ein Getrenntsein. Natürlich wird diese Tatsache gern verdrängt,
        wenns nicht zur eigenen Lustmaximierung und Planerfüllung auf Kosten anderer passt,
        verdrängt und übergangen wenns nicht zur Beziehungsideologie passt.

        Polyamory zieht die Intimität ins Freie und versprüht ein Gift, das anders als bei der Beendigung einer Beziehung, wo es zu den ekligsten Verfehlungen und Feindlichkeiten der ehemals Liebenden gegeneinander kommen kann, als Zwang zur Kommunikation, Weiterbildung, also Perpetuierung des Elends die Trennung als Zustand verewigt. So wird eine Krise in Permanenz heraufbeschworen, die sich nur durch eine Unzahl von Regeln und Vereinbarungen aufrecht erhalten lässt. Gewiss, die permanente Krise in der Polyamory ist nicht ganz von den Krisen in der monogamen Beziehung zu trennen. Doch wo in der Monogamie es so scheint, als würden Krisen immer wieder etwas Altes, Vergangenes abstoßen können, weil die Möglichkeit des Bruchs konstitutiv ist, gibt sich der Polyamore schon gar nicht mehr der Illusion hin, er könnte sich von irgendetwas lösen und wird eins mit einer Vergangenheit, die wegen der vergangenen aber niemals weggehenden Beziehungspartner stets die Gegenwart bestimmt. Im Gegensatz zu Swingern, für die das (temporäre) Wechseln der Sexualpartner durchaus eine Lösung zeitweiliger Krisen darstellt, und den unbeliebten, weil umtriebigen Singles, die sich nicht um die Gefühle der Partner über die gemeinsam verbrachte Nacht hinaus scheren, verlangt gelebte Polyamory die volle Affektkontrolle durch allseitige „Transparenz“ und bündelt die Frustration gegen den gemeinsamen Feind, die so genannte „serielle Monogamie“.
        Während in dieser Form bei der Trennung sich zwar alles Schöne als Gift erweisen muss, mit der wahrscheinlichen Folge, dass Angezogensein vor und Abscheu nach dem Bruch beim nächsten Male immer kraftloser werden, verleugnen die Anhänger von Polyamory das in der Exklusivität liegende Besondere gänzlich und liefern es völlig dem falschen Allgemeinen aus. Polyamory ist die Theorie eines bewusstlos prozessierenden Allgemeinen, das sich am Zerfall der Ehe „als einer der letzten Möglichkeiten, humane Zellen im inhumanen Allgemeinen“ (Adorno) zu bilden, weidet und hämisch konstatiert, dass auch sie das wahre Allgemeine nicht verwirklichen kann. Als zynisches Bewusstsein der Individuen über ihr privates Unglück macht sich Polyamory zum Sachwalter einer Inhumanität, die Ausweglosigkeit als scheinbar unhinterfragbaren Zwang auch noch freudig bejaht.

        Was bei bei der Polyamorie Ideologie stattfindet, ist in vielen Fällen der endgültige Einzug instrumentellen Denkens noch in die intimsten Bereiche unseres Lebens. Die Größe des romantischen Liebesideals bestand immer darin, den anderen Menschen als Ganzen anzuerkennen, mit allen Stärken und Schwächen, den man auch in schlechten Zeiten beistehen wollte, bis der Tod die Liebenden scheide. So unerreicht dieses Ideal auch in vielen Fällen blieb, so sehr unterscheidet sich ein solches Verständnis von Liebe doch von dem, das sich zunehmend herauszubilden scheint. Die Liebe funktionierte gerade nicht wie ein Vertrag oder Tausch, bei dem man penibel darauf achtet, ja nicht der Benachteiligte zu sein. Glück besteht in der Liebe viel mehr wesentlich im Glück des anderen, was es verunmöglicht, um etwas betrogen zu werden. „Wirkliches Schenken“, schreibt Adorno und hier ist ein Vergleich mit der Liebe naheliegend, „hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, auf seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken […] Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.“ Liebe ist demnach das glatte Gegenteil von Tausch und Verrechtlichung. Schon der Umstand, dass einer von der konkreten Person abstrahiert und sie zur „Zweitfreundin“ werden lässt, der als „Zweitfreundin“ bestimmte „Interventionsrechte“ zustehen oder aber versagt bleiben, ganz unabhängig von den konkreten Bedürfnissen des konkreten anderen Menschen, ist lieblos. Eine Lieblosigkeit, die man gar nicht ertragen würde, würde man sich selbst genau lieben, sich selbst genug begreifen, um zu dieser Empathie für andere, für Partner fähig zu sein.

        Lieblos ist auch die Fragmentierung anderer Persönlichkeiten in Hinblick auf gemeinsame und verschiedene Bedürfnisse. Nicht weil es nicht sinnvoll wäre, mit jenem Menschen zu leben, was mit diesem vielleicht nicht möglich ist, sondern weil sich darin die Arbeitsteilung andeutet. Wer seine Bedürfnisse nimmt und sie bestimmten Menschen zuordnet, tut damit zweierlei: Zum einen verdinglicht er seine Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn Petra mit Paul keinen BDSM haben kann, weil dieser das nicht will, wird BDSM mit Sarah ihr dafür kein Ersatz sein können, weil BDSM mit Paul anders wäre als mit Sarah. Die konkrete Ausformung und Befriedigung von Bedürfnissen hängt ab von den konkreten, daran beteiligten Menschen. Wer also so tut, als sei ein Bedürfnis erfüllt, weil man es mit einem Menschen leben könne, der unterschlägt damit alle qualitativen Unterschiede des Bedürfnisses bzw. seiner Befriedigung in anderen Situationen mit anderen Menschen. Das ist, als bräuchte man eben einen Kühlschrank und sobald man einen habe, seien alle anderen Kühlschränke für einen unbrauchbar, das meine ich mit Verdinglichung, die gewaltvolle Gleichmachung qualitativ verschiedener zwischenmenschlicher Beziehungen. Gleichzeitig, und dies ist das angedeutete Zweite, wird es möglich, sich selbst auf ein „ich bin ja nicht für alle deine Bedürfnisse zuständig“ zurückzuziehen. Nicht dass irgendwer etwas tun sollte, was ihm zuwider ist, aber Liebe bestünde gerade im Interesse für die Gesamtpersönlichkeit, auch für die Teile, die einem selbst nicht zweckdienlich sein können, und nicht in der Fragmentierung des Anderen, die darin zum Ausdruck kommt. Was hier droht, ist die Degradierung des Anderen vom Subjekt zum Objekt, die Degradierung der Liebesbeziehung zur Zweckbeziehung.

        Die Größe der romantischen Idee besteht unter anderem darin, akzeptiert zu werden wie man ist, nicht an sich arbeiten zu müssen, sich nicht selbst optimieren zu müssen, wie es sonst überall von einem verlangt wird. Nicht dass es nicht auch manchmal sinnvoll ist, bestimmte und vor allem gewaltförmige Verhaltensweisen abzulegen, bestimmte Dinge zu reflektieren, aber nichtsdestotrotz liegt in der Freiheit, einmal zur Ruhe zu kommen und man selbst sein zu können, die Schönheit des romantischen Gedankens. “Das Intime zwischen Menschen ist Nachsicht, Duldung, Zuflucht für Eigenheiten.” (Adorno) Dass es damit vorbei sein soll, zeigt die Unerbittlichkeit, mit der der bspw. Oliver Schott die ihn Lesenden zur Selbstdisziplinierung anhält, also dazu, gegen sich selbst hart zu sein. Wieder nichts Grundsätzliches gegen die Selbstreflexion, wohl aber etwas gegen den Gestus, man könne, wenn man nur wolle, alles aus sich machen, sich beliebig verändern, Unerwünschtes sich austreiben und Erwünschtes sich antrainieren, so mühsam das auch sei. Dies unterschlägt schon ganz grundsätzlich die gesellschaftlich bedingten Beschädigungen, die Menschen erleiden (Gefühl von Überflüssigkeit, Vereinzelung, Entfremdung, etc.) und entwirft das Bild einer flexiblen Psyche, die so flexibel niemals wird sein können.

        Die Idee romantischer Liebe scheint in Auflösung begriffen zu sein, an ihre Stelle tritt eine neue Sachlichkeit in Beziehungsfragen, eine neue Rationalität, instrumentelle Vernunft. In der Folge kommt es zu Verrechtlichungen, zu neuen Schematismen, das Tauschdenken setzt sich mehr denn je durch, ebenso das Prinzip der Arbeitsteilung noch im intimsten Bereich und die Intimität wird, wie alle anderen Bereiche, dem Imperativ der Selbstoptimierung unterworfen. „Mir scheinen“, so Horkheimer einmal in einem Interview, „die Folgen eines Erlöschens nicht zweckgebundenen Denkens, des Sieges des Intellekts über den Geist, die Konsequenzen des instrumentellen Charakters zwischenmenschlicher Beziehungen irreversibel.“ Die Entwicklung hin zum instrumentellen Charakter zwischenmenschlicher Beziehungen muss notwendigerweise die Idee romantischer Liebe aufkündigen, die Arbeitsteilung entspricht ihr mehr, sie muss also zwangsläufig mehrere Menschen, die ihrer Bedürfnisbefriedigung dienen sollen, an die Stelle setzen, wo bisher nur einer war. Polyamorie lässt sich dementsprechend lesen als gesellschaftliche Tendenz, die gerade auf die Abschaffung von Liebe hinausläuft zugunsten von instrumentellen Zweckbeziehungen. Dass dies nicht ihr offizielles Programm ist, verwundert natürlich nicht: Dieser Vorgang geschieht unbewusst und nach wie vor ist den Menschen die Liebe wichtig, an deren Begriff das allgemeine Glücksversprechen wesentlich hängt. Also rationalisieren sie sich die momentane Entwicklung sogar als Liberalisierung, als eine wachsende Quantität von Liebe, während deren Qualität beständig und weitestgehend unbemerkt abnimmt. Wenn sie die Stärke zur schonungslosen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber hätten. Das ist wahrlich kein Klacks.

        menschliche Liebe lässt sich ebenso wenig funktionalisieren und quantifizieren,
        wie das menschliche Glück in der kapitalistischen Warenwelt. Der Gedanke der
        Liebesglückmaximierung durch Partnerpluralisierung ist nichts anderes als eine
        narzisstische Neuinszenierung des dem Kapitalismus (Herr und Sklave – Haupt-
        und Nebenbeziehung) innewohnenden Prinzips der Profitmaximierung. Liebe lässt
        sich, wie schon erwähnt, aber niemals quantifizieren oder objektivieren, weil sie die innere
        Fähigkeit des Subjekts ist, sich produktiv auf sich selbst und seine
        Mitmenschen zu beziehen. Wer das nicht kann, liebt nur egoistisch infantil. Die
        Instrumentalisierung der Liebes-Objekte führt zur Pseudo-Liebe. Der Polyamorist
        erhebt in ihr die entfremdeten Liebes-Verhältnisse des monogamen Fremdgehers zu
        seiner Ethik. Die Polyamorie ist nicht tantrisch-religiöse Vereinigung, sondern
        ein Solo-Mindfuck.

        Gerade das Beginnen einer Liebe, in Verliebtheit, hat bei vielen einen solchen Sog, eine Kraft, die alles
        andere als frei ist, bezogen darauf, was andere Verbindlichkeiten von weiteren
        Beziehungen ebenfalls verlangen. Genau dort entsteht die Diskrepanz, entlarvt
        sich die behauptete Freiheit als ein Labyrinth von Beschränkungen, Reduktionen
        und Verzichten. Liebe verknastet in Terminplanern, noch jenseits derer von Job und Familie.
        Was soll das für eine Freiheit sein, von der da immer phantasiert wird? Es ist das Gegenteil!

        Wer möchte schon seine Priorität der Liebe als eine vage
        Option deklassieren, von der mehr abhängt als nur Gefühle. Als vage Option, die
        vielleicht theoretische Abmachungen theoretischer Sicherheit hat, aber durch
        die besagte Kraft und Unfreiheit von Gefühlen der Liebe praktisch unmöglich umzusetzen
        sind. Unmöglich dann, wenn jemand nicht in der Lage ist, auf etwas zu
        verzichten im Sinne einer gemeinsamen und belastbaren Priorität für einander.

        Was wir manchmal als Liebe bezeichnen ist eher die Angst davor. Berechtigt, wenn die Illusion davon Wahrheiten schwächt und Leid gedeiht, aber man dran gewöhnt ist, weil Menschen sich was vormachen, weil sie nicht ehrlich zu sich sind, wie könnten sie es dann zu andern ?, Nicht ehrlich woher das Leid kommt, welche Verantwortung sie für sich selbst tragen.

        Idiotisch, wenn jemand glaubt, er müsse leiden, um sie sich zu “verdienen.”

        “Wir leiden nicht so sehr unter unseren Fehlern oder unserer Schwachheit, sondern mehr unter unseren Illusionen. Wir werden nicht von der Realität gequält, vielmehr von jenen Bildern, durch die wir die Wirklichkeit ersetzt haben.” (Rilke)

        die meisten reproduzieren bekanntlich unwillkürlich ihr Bild von Beziehung aus ihrer primären Bindungserfahrung als Kind. Das ist elementarer Teil der Identität. Es geht gar nicht anders. Dieses vermeintliche “Ideal” ist sehr mächtig. Da kann man tausende Bücher und kluge Einsichten später entdecken, wie es scheinbar besser wäre.
        Das willkürliche, beharrliche Entgegenwirken braucht sehr viel Kraft und Willen.

        Der Grund, warum so viele unter ihrem Potenzial und einem Qualitätsniveau bleiben, dass ihnen schwindelig würde vor Erleuchtung, der Grund ist, dass sie primär gelernt haben, dass Leid der Preis für Liebe wäre. Darauf “einigen” sich viele, zahlen einen furchtbaren Preis ihrer Möglichkeiten.. und es ist so falsch, so traurig dumm.

        • Reply
          Leo
          Sunday July 15th, 2018 at 12:17 PM

          Hallo nochmal Tecor. Du scheinst wirklich sehr schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, das tut mir Leid. Dennoch sind deine verallgemeinernden Thesen, so sehr du sie auch philosophisch begründen magst nicht haltbar. Bei einer These reicht ein Gegenbeispiel um sie zu falsifizieren. Da ich persönlich zu all deinen verallgemeinernden Aussagen Menschen kenne, die andere Erfahrungen gemacht haben und es anders erleben und leben, ist also nicht wirklich etwas davon übrig.
          Ich würde dich in Zukunft bitten Dinge zu teilen die dich persönlich betreffen und die du persönlich erfahren hast beziehungsweise davon und überzeugt und es als dich betreffend zu schreiben. Vielleicht kann man dir dann sogar helfen :)

          Viele Grüße,
          Leo

  • Reply
    Mari
    Sunday July 15th, 2018 at 12:40 AM

    @Tecor, all deiner intellektuell sehr anspruchsvollen und interessanten Thesen zum Trotz bleibt es eine Tatsache, dass ich mich in mehr als einen Menschen verliebe. Ich leide aber nicht unter diesen Gefühlen, als wären sie eine Krankheit oder etwas, das nicht so sein solte. DAS wird mir NUR von der Außenwelt, von Denkweisen, wie du sie hier darlegst, nahegebracht. Meine Gefühle von Liebe und Zuneigung empfinde ich als vollkommen stimmig, ich geniesse sie und ich bin mir ihrer bewusst in all ihren Facetten. Dass daran etwas nicht in Ordnung sein soll, dass sie pathologisiert werden – das liegt an gesellschaftlichen und moralischen Normen.

    Ein Bespiel wäre: Ein Kind spielt mit seinem Körper und empfindet unschuldig-kindliche Freude, vielleicht Lust. Dann hiess es (und heisst es oft immer noch): Finger weg, das ist böse, das macht man nicht. Also wird das dann eben heimlich gemacht. Wer setzt die Norm hier? Wer urteilt? Wer sagt, was ist “richtig” und “natürlich”?

    “Die Größe des romantischen Liebesideals bestand immer darin, den anderen Menschen als Ganzen anzuerkennen, mit allen Stärken und Schwächen, den man auch in schlechten Zeiten beistehen wollte” – Woher weisst du, dass polyamor lebende Menschen das nicht tun? Hast du sie danach gefragt? Die Menschen, die ich kenne (die so leben), sind keine egoistischen Bedürfnisbefriediger, denen der Partner/die Partnerin egal ist und die ihre Beziehung instrumentalisieren. Sie lieben sich so, wie sie sind, sie sind im Gegenteil besonders aufmerksam mit ihren Partnern, da die frei gelebte Liebe NOCH viel mehr Einfühlungsvermögen und Liebesfähigkeit verlangt.

    Liebe Grüße, Mari

  • Reply
    claude
    Thursday August 16th, 2018 at 06:34 AM

    hallo leo, danke für deine vielen spannenden und auch guten artikel.
    ein paar anmerkungen von mir:
    das wort “hermaphrodit” ist diskriminierend und ich fände es gut, wenn du es nicht verwenden würdest. https://queer-lexikon.net/wp/2017/06/15/hermaphrodit/
    in deinem beispiel benutzt du inter*sein zudem als exotisierung und stellst cis-sein und bestimmte formen der sexualität als das “normale” und häufigere dar. das ist echt nicht okay! ich finde mich tatsächlich nicht oft wieder in deinen ansprachen, da du dich meistens irgendwie nur an cis und heteros richtest. das ist zum beispiel nicht feministisch, wo du ja anscheinend den anspruch erhebst, feministisch sein zu wollen. du könnest zum beispiel genderneutrale sprache benutzen und eben nicht bestimmte sexualitäten und identitäten normalisieren. das fände ich prima.
    liebe grüße.

    • Reply
      Leo
      Tuesday April 9th, 2019 at 04:58 PM

      Hi Claude!
      Danke für deine Kritik! Ich hab leider eine ganze Weile gebraucht um sie erst mal auf mich wirken zu lassen, sie dann anzuerkennen und letztlich zu dem Schluss zu kommen dass ich sie umsetzen werde.
      In kurz: Ich denke du hast Recht. Ich werde meine Beiträge entsprechend überarbeiten. Bitte hab Nachsicht wenn das leider alles eine Weile dauern wird, weil es leider ein nicht ganz unerheblicher Arbeitsaufwand ist. Ich mach mich aber auf die Socken!

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