Ideologie-Kritik

7 offene Beziehungs Mythen, die jeder nachquatscht

Wenn man sich in die Wunderwelt der offenen Beziehungen begibt, begegnet fast jeder irgendwann den Mythen der Szene. Spätestens, wenn man irgendwann Rat sucht, und sich dafür an „das Internet“ wendet. Denn oft gibt es im eigenem Freundes und Liebesnetzwerk keine Menschen, die die eigene spezifische Situation nachvollziehen können. Und wenn doch, wissen sie oft keinen Rat.

Leider ist nicht alles Gold was glänzt und ich bin im letzten Jahr immer wieder über viele angebliche Binsenweisheiten gestolpert. Diese klingen im ersten Moment gut und werden fleißig von der Community wiederholt – aber was ist eigentlich dran?

In diesem Artikel werde ich die 7 gängisten Mythen unter die Lupe nehmen und dir erklären, warum ich denke, dass sie irreführend sind.

 

Mythos 1: „Selbstliebe ist die Lösung für alles.“

Wie oft habe ich diesen Tipp schon gelesen. Fast wäre ich auch schon selbst Opfer geworden diesen Tipp einfach zu replizieren, ohne weiter darüber nachzudenken. „Selbstliebe“, das klingt erst mal super. Wenn dann noch in ein schönes Konstrukt eingebettet ist, klingt es so, als ob es einem helfen würde. „Ohne Selbstliebe kannst du auch keine anderen lieben.“ heißt es oft.

Aber nimm dir mal kurz Zeit diesen Satz zu hinterfragen. Er klingt so selbstverständlich, so einleuchtend. Aber eigentlich ist er sowohl faktisch, als auch als Tipp, als auch moralisch völliger Unsinn.

Doch dieser Glaubenssatz ist total verbreitet und wird so gut wie nie hinterfragt.

Warum ist das faktisch Quatsch?

Weil es viele Menschen gibt (sehr viele!) die sich selbst nicht sonderlich gut leiden können. Und diese Menschen haben meistens durchaus andere Menschen, die sie mögen, lieben und pflegen. Jemanden die Liebesfähigkeit absprechen, nur weil er sich selbst nicht sonderlich gut findet, ist einfach nicht okay. Vielleicht denkst du: „Na ja, so wörtlich darf man das aber nicht verstehen.“

Aber genau so steht es meistens da. Vielleicht ist damit gemeint, dass Menschen, die sich nicht selbst lieben auch oft den Menschen, die sie gern haben, das Leben schwer machen? Aber auch wenn das keine völlige Entwertung ist, ist es immer noch eine Abwertung.

Als Tipp ist es auch Quatsch.

Denn was bringt dir das, wenn du weißt, dass Selbstliebe was schönes wäre? Entweder du bist in der glücklichen Situation dich selbst gut zu finden. Dann hast du hier einen klassischen Bias erschaffen. Wenn irgendwas nicht klappt, kann es nur daran liegen, dass du dich noch nicht genug selbst liebst. Wenn es klappt ist das ein Beweis dafür, dass es stimmt. Gewonnen hast du nichts.

Noch schlimmer sieht es aus, wenn du dich eben selbst gerade NICHT sonderlich gern hast. Was bringt dir das, wenn dir jemand sagt du müsstest erst deine Selbstliebe entdecken? Sicherlich hast du nicht irgendwie eine bewusste Wahl getroffen als du 4 Jahre alt warst: „Ich glaube in Zukunft werde ich mich scheiße finden. Ja gute Idee!“

Und dementsprechend kannst du es auch nicht einfach so los lassen. Es gibt vermutlich tief vergrabene und eventuell auch sehr schmerzvolle Gründe, warum du dich selbst nicht magst. Wenn du das einfach ändern könntest, hättest du es schon längst getan. Und manchmal kann es sogar genau anders herum sein. Eine glückliche Partnerschaft mit jemandem, der dich liebt, obwohl du dich selbst nicht liebst, kann dazu führen, dass sich deine Selbstliebe langsam regeneriert. Oder es dir leichter fällt, dich zu heilen und deine Probleme diesbezüglich anzugehen.

Und zuletzt der moralische Aspekt, der oft übersehen wird.

Wer erdreistet sich dir zu sagen, was du brauchst, bevor du eine glückliche Partnerschaft verdient hast? Macht dich das nicht sogar eher ein bisschen wütend? Wer nimmt sich raus über deine Liebesfähigkeit zu urteilen? Und wie zur Hölle sollst du denn einfach so aus dem Stegreif lernen dich selbst zu lieben? Bist du irgendwie als Mensch minderwertig, nur weil du dich selbst nicht gut findest?

Dieser ganze moralisierende Aspekt fällt Menschen die das „Selbstliebe Problem“ gar nicht haben meist gar nicht auf. Und für alle die es haben, ist es eher ein Stock zwischen die Beine als einer zum festhalten.

Mein Vorschlag: Komplett aus dem eigenem Denken streichen, aufhören Artikel darüber zu lesen.

Das führt uns auch gleich zum nächstem Mythos:

 

Mythos 2: „Psychisch Kranke sind für offene Beziehung nicht geeignet.“

Bei diesem Mythos handelt es sich weniger um etwas das offen gesagt wird. Es ist eher etwas, das hinter vorgehaltener Hand weiter gegeben wird. Man erkennt immer wieder eine Tendenz, dass einem geraten wird bestimmte „anstrengende“ Menschen zu vermeiden und nicht in seinen Kreis aufzunehmen.

Das ganze läuft dann unter dem Motto der Energieerhaltung. Es wird einem geraten Menschen, die einem nicht gut tun, aus seinem Leben zu streichen. An dieser simplen Version ist zwar etwas dran, leider wird sie aber oft zu einem Vorurteil gegen psychisch Kranke umgedeutet.

Und das ist natürlich Unsinn. Denn nur weil jemand eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert bekommen hat, oder unter Depressionen leidet, oder einfach eine Panikstörung hat, ist er deswegen nicht sofort ein schlechter Partner für dich.

Klar gibt es Dinge die dich persönlich anstrengen. Aber diese haben mehr etwas mit dir als Individuum zu tun, als mit diagnostizierten Krankheiten. Letztlich läuft das ganze eigentlich meistens auf Vorurteile gegen psychische Krankheiten hinaus.

Oft ist weder klar wie der spezifische Verlauf einer Krankheit ist, noch was diese Krankheit genau ausmacht oder in welchen Symptomen sie sich äußert. Und am aller wenigstens wie sich das auf die Partnerschaft auswirkt.

Es kann zum Beispiel sein, dass jemand mit einer Panikstörung sich gerade durch die Partnerschaft mit allgemein weniger ängstlich fühlt. Insbesondere dann, wenn du nicht die Erwartung hast das „Liebe alles richtet“ sondern es einfach als Teil dieser Person hin nimmst. Du würdest jemanden ja auch nicht zur Unperson erklären, nur weil er einen Diabetes hat oder unter heftigen Episoden von Neurodermitis leidet.

Und abgesehen davon: Du begrenzt deine Partnerwahl damit ziemlich. Denn mittlerweile hatte jeder fünfte irgendwann in seinem Leben mit Depression zu tun. Und wir reden hier nur von Depression, die zwar die häufigste psychische Krankheit ist, aber bei weitem nicht die einzige.

Das heißt mit der Idee psychisch Kranke Menschen aus deinem Kreis fern zu halten tust du im wesentlichen eines: Alle Menschen die du kennst, die eine psychische Krankheit haben ein klares Signal geben, dass sie sich mit dir besser nicht einlassen. Dann ist es natürlich auch kein Wunder wenn die Partnermöglichkeiten auf einmal massiv sinken.

Mein Vorschlag: Genauer analysieren und Menschen mit denen man individuell nicht klar kommt meiden, statt pauschal alle mit „(psychischen) Problemen.“ Denn jeder von uns hat Probleme.

Aber auch hier kommen wir nahtlos zum nächsten Punkt:

 

Mythos 3: „Partner für offene Beziehungen zu finden ist total schwer!“

Während dieser Glaubenssatz von außen ganz massiv an dich heran getragen wird, wird er leider auch in der Community oft reproduziert.

Mit diesem Glaubenssatz gibt es vor allem zwei große Probleme.

1. Er konzentriert die Aufmerksamkeit an die falsche Stelle

Dieser Glaubenssatz legt nämlich im Grunde genommen nahe, dass monogame Menschen es viel einfacher hätten Partner zu finden. Das stimmt aber einfach nicht. Monogame Menschen haben oft ebenfalls erhebliche Probleme jemanden zu finden der zu ihnen passt.

Klar die Auswahl ist rein numerisch gesehen etwas größer. Aber ist das wirklich so ein riesiger Vorteil? Schließlich ist die Bereitschaft eine offene Beziehung zu führen auch ein ganz hervorragender Filter, der dir von vorneherein einige Eigenschaften, die du für deine Partnerschaft nicht möchtest vielleicht erspart.

Und außerdem ist auch nicht alles Schwarz-Weiß. Es gibt zahlreiche Menschen die eine offene Beziehung in Erwägung ziehen, sobald sie ihre Vorurteile dazu abgelegt haben. Und das bedeutet, dass man die Sache aus einer völlig falsche Perspektive betrachtet.

Die Umkehrschlussfolgerung ist dann leider oft: Wenn ich keine/n Partner für eine offene Beziehung finde, wechsle ich zur Monogamie. Denn dort ist es einfacher Partner zu finden. Aber das funktioniert so eben nicht. Denn du hast den Filter für deine Werte und deine Grundeinstellung trotzdem noch, auch wenn du das Instrument dafür nicht mehr verwendest. Und Menschen die diese Werte vertreten und zu dir passen und in der Nähe leben und die du magst und die dich mögen, wirst du deshalb auch nicht leichter finden.

Denn genau das ist auch der zweite Fehler bei dieser Aussage:

 

2. Sie geht mit einem Perfektions-Anspruch einher

Hinter der Idee niemanden zu finden, steckt fast immer die Idee jemanden zu finden der „perfekt zu einem passt.“ Diese Idee ist ganz fest in unser kulturelles Bewusstsein eingegraben. Daher fällt sie uns meist gar nicht auf. „Da draußen wird es schon irgend jemanden geben, der perfekt für dich ist.“

Gerade das ist aber Einstellung, die schon für glückliche monogame Beziehungen schlecht ist. Für einen offenen Beziehungsstil ergibt sie überhaupt keinen Sinn mehr. Wieso brauchst du denn jemanden der perfekt zu dir passt? Was soll denn schlimm daran sein, wenn es ein paar Punkte gibt an denen ihr nicht perfekt zusammen passt? Wofür genau möchtest du überhaupt einen (weiteren) Partner? Welches Bedürfnis soll er erfüllen?

Viel zu oft denkt man ein neuer Partner müsste alle möglichen Dinge erfüllen und einen quasi „komplett“ machen. Aber du bist schon komplett. Und zwar völlig egal, ob du dich selbst liebst oder nicht, eine psychische Krankheit hast, oder dich sonst wie völlig unperfekt fühlst.

Selbst wenn du dich perfekt fühlen solltest: Du bist es nicht. Und das ist okay so. Und deshalb ist es auch okay, wenn auch dein Partner nicht perfekt ist. Und es ist auch okay, wenn eure Beziehung nicht perfekt ist. Eine gute Beziehung erfordert Arbeit, Energie, Liebe und Geduld. Und aus einer nicht so guten Partnerschaft kann sich etwas besseres entwickeln, genauso wie anders herum.

Das heißt nicht, dass du niemals los lassen solltest, oder absolut jeder geeignet ist für dich. Aber es bedeutet, dass dein Einfluss darauf wesentlich größer ist, als einfach nur abzuwarten oder zu hoffen, dass auf einmal alles gut ist.

Mein Vorschlag: Glaubenssatz loslassen, mehr auf Entwicklung fokussieren statt auf Standbildaufnahmen.

 

Mythos 4: „Das erste Paar kommt immer an erster Stelle.“

Ebenfalls ein häufig geteilter Glaubenssatz ist die Idee, dass das Bestehen des „ersten Paares“ als Marker für Erfolg zu werten ist. Sprich das Paar, das seine Beziehung öffnet oder neu zusammen kommt und eine offene Beziehung beschließt, muss auf jeden Fall zusammen bleiben, damit man „Erfolg“ mit offenen Beziehungen hatte.

Die Idee dass das erste Paar auf jeden Fall bestehen bleiben muss führt allerdings oft zu einigen hässlichen Querschlüssen. In den meisten Fällen ist ein starkes Couple Privilege anzutreffen. Manchmal sogar handfeste wirklich unfaire Hierachien. All diese Dinge sind für Menschen die „dazu“ kommen weder sonderlich respektvoll, noch sonderlich attraktiv. Würdest du mit jemandem eine Beziehung anfangen, wenn du weißt, dass jemand anders immer als erstes kommt? Und zwar egal was passiert?

Genau dieser Absolutismus ist das, was das ganze so problematisch macht. Denn natürlich ist es kein Problem wenn es mal Prioritäten gibt. Natürlich mag ich zum Beispiel vielleicht an meinem Geburtstag etwas mehr Aufmerksamkeit haben, als an anderen Tagen. Aber wenn eine Hierachie einfach völlig unkritisch daran fest gemacht wird, wer „zuerst“ da war, dann ist das ein Trend der eigentlich nicht repliziert werden sollte.

Es ist nicht so, dass es nach dieser Maxime nicht oft irgendwie funktionieren würde. Schließlich haben fast alle diese Einstellung und daher „erwarten“ Menschen, die als zweites dazu kommen oft fast schon minderwertig behandelt zu werden. Aber es ist etwas, dass zu vielen anderen Problemen führt. Dass der zweite Partner oft kein Problem mit dem ersten hat,  aber massive Eifersucht auf alle die danach neu dazu kommen, liegt im Kern oft an dieser „zuerst-dagewesen-Hierachie.“

Und dieses Denken wiederum hat seine Wurzeln in der Idee, eine offene Beziehung sei nur dann erfolgreich, wenn das erste Paar weiter besteht.

Aber auch eine Trennung kann ein Erfolg sein. Und manchmal kann es auch sein, dass man zusammen bleibt, aber sich die Prioritäten und Präferenzen sich verschieben. Und das ganz ohne dass das etwas Furchtbares sein muss. Diese ganzen wunderbaren Möglichkeiten, die man eigentlich durch offene Beziehungen gewinnt, verbaut man sich mit diesem Glaubenssatz.

Mein Vorschlag: Ob mein Beziehungsleben und „offene Beziehungen“ im allgemeinen erfolgreich ist, hat nichts damit zu tun wer gerade meine Partner sind. Oder welche Rolle diese Personen in Zukunft in meinem Leben einnehmen werden. Vielmehr sollte wichtig sein, das ich glücklich bin und dabei so gut wie möglich versuche kein Arsch zu sein.

 

Mythos 5: „Alle werden dich dafür hassen und du bist permanent Opfer.“

Bei diesem Punkt geht es auch eher um etwas, das von außen an einen herangetragen wird. Warum es trotzdem hier steht liegt vor allem an einer Sache: Es ist ziemlich leicht sich selbst als Opfer zu sehen.

Wenn man offene Beziehungen lebt, muss man sich oft damit konfrontieren, dass man nicht der Norm entspricht. Alle möglichen Leuten meinen einem erzählen zu können, wie sie das sehen.

Aus dieser Tatsache wird allerdings oft ein Leidensdruck generiert. Die Schlussfolgerung, dass weil man nicht der Norm entspricht, man deshalb auch ganz sicher diskriminiert werden wird und darunter leiden wird.

Das stimmt allerdings nur bis zu einem gewissem Punkt. Klar gibt es eine reale Diskriminierung. Dafür braucht man nicht lange zu suchen. Um hier lange Erklärungen bleiben zu lassen, sage ich dazu nur ein Wort: Ehe.

Aber nur weil es das gibt, heißt das nicht, dass man diese Opferrolle auch annehmen muss. Denn damit verfällt man eigentlich im wesentlichen in einen Jammermodus, was man alles für Nachteile hat. Dabei vergisst man komplett, dass es auch viele Vorteile gibt. Denn wie weiter oben erwähnt, führt so was auch zu einer stärkeren Community und besseren Filtermöglichkeiten. Und noch dazu gibt es eigentlich ganz gute Wege auszuweichen und sogar einen positiven Einfluss zu haben wenn jemand einem dumm kommt.

Mein Vorschlag: Aufhören sich darauf zu konzentrieren was alles schlecht läuft und stattdessen das beste für sich persönlich daraus machen. Am besten gleichzeitig damit anfangen sich für die allgemein Sache zu engagieren.

 

Mythos 6: „Eifersucht ist böse und wenn du eifersüchtig bist, bist du doof.“

Wenn man sich eine Weile in der Poly-Welt herum getrieben hat und immer wieder nur die Erfolgsstory mitbekommt, fragt man sich irgendwann: Bin ich vielleicht falsch? Warum empfinde ich trotz allem manchmal doch Eifersucht? Habe ich einfach Pech gehabt?

All dies geht auf eine Mischung aus selektiver Wahrnehmung und dem Bedürfnis nach Abgrenzung hervor. Menschen die offene Beziehungen leben wollen, haben meistens wenigstens grundsätzlich anerkannt, dass Eifersucht kein wunderschöner Liebesbeweis ist. Es ist eher wie unkontrollierbare Wutausbrüche. Man sollte daran arbeiten.

Aber im Internet erzählen nicht viele, wo sie überall zu kämpfen hatten. Und was sogar noch viel wichtiger ist: Gerade wenn man damit aktuell gerade viel zu kämpfen hat, ist man gegenüber „Abweichlern“ noch viel gnadenloser. Und auch wenn man das Thema erst seit kurzem vermeintlich hinter sich gelassen hat, erinnern einen Menschen die dieses Problem haben unangenehm an Phasen, die man gerade lieber vergessen würde.

Um es kurz zu machen: Die wenigen in der Community, die über Eifersucht reflektiert berichten können, sind oft die, die damit tatsächlich kaum noch ein Problem haben. Und die schreiben oft nicht viel, weil ihr Terminkalender ziemlich voll ist.

Und das bedeutet, während dieses Thema einerseits andauernd präsent ist, wird es andererseits oft als Schwäche verstanden, wenn man tatsächlich „noch Eifersucht empfindet.“

Wenn man das alles noch kombiniert mit unserer Neigung als Mensch, uns immer mit den besten einer Gruppe zu vergleichen, sind die Ergebnisse fatal: Viel zu viele Menschen, die denken sie wären irgendwie falsch.

Das Gegenteil ist allerdings der Fall. Es gibt wie fast immer eine Gaußsche Normalverteilung. Nur ganz wenige Menschen, sind ganz am Ende der einen Skala und empfinden tatsächlich von Geburt an so gut wie nie Eifersucht. Am anderen Ende der Skala gibt es einige wenige Menschen, für die Eifersucht ein so hartes Problem ist, dass es vermutlich wirklich einfacher für sie ist eine monogame Beziehung zu führen. Und es gibt ganz ganz viele dazwischen, (die restlichen 95%-99%) für die das ganze in verschiedenen Ausmaßen mal ein Thema war, oder aktuell ist. Die aber lernen können damit umzugehen, oder sogar komplett eifersuchtsfrei zu werden. (Psst, kurze schamlose Eigenwerbung: Rechts kannst du dir mein komplettes, kostenloses eBook zu dem Thema runterladen ;) )

Worauf es mir ankommt ist: Eifersucht ist nichts schlimmes. Es ist nicht falsch oder ein persönliches Versagen sie zu empfinden. Sie kann in einigen Fällen sogar ganz gute Gründe haben. Es geht darum, diese angehen zu wollen. Sich entwickeln zu wollen. Welche Schwierigkeiten man damit hat, oder wie viel Hilfe man dabei braucht ist individuell unterschiedlich.

Mein Vorschlag: Aufhören sich zu vergleichen und eigenen Stand und eigenes Entwicklungstempo respektieren und wertschätzen.

 

Mythos 7: Es gibt kein Richtig oder Falsch.

Der letzte Mythos ist einer, der mir vor allem in Büchern und interessanterweise gerade von Erfahrenen Ratgebern aufgefallen ist. Dort kommt oft eine generell als positiv zu betrachtende und allgemein sehr wertschätzende Haltung zum Ausdruck. Sie soll in etwa zum Ausdruck bringen, dass es im wesentlichen darauf ankommt, was für einen selbst funktioniert. Die Grundhaltung die vermittelt werden soll ist daher, dass es keine allgemeingültigen Aussagen geben kann, was für eine offene Beziehung richtig oder falsch ist.

Während das im Prinzip stimmen mag, ist es sobald man das ganze versucht auf die Praxis anzuwenden leider oft ziemlicher Unsinn. Natürlich kann absolut jedes Konstrukt theoretisch für irgendeinen Mensch irgendwie gut sein. Aber erstens sind die meisten von uns zum Beispiel keine homosexuellen rein masochistisch veranlagten Hermaphroditen. Und auch wenn du einer sein solltest und tatsächlich ausschließlich und nur auf hart sadistische Hermaphroditen stehst, bringen dir Beziehungstipps für Vanilla-Hetero-Monogamisten vermutlich kaum einen Benefit. Oder einen so geringen, dass du sie genauso gut aus Romanen assoziieren könntest, statt ein Buch darüber lesen zu müssen.

Und zweitens ist es irgendwie ziemlich komisch zu sagen etwas „stimmt nicht“ weil es auf 1% oder sagen wir sogar bis zu 10% der Angesprochenen nicht zutrifft. Dann stimmt es eben nicht immer. Aber wenn in einer so hoch individuellen und komplizierten Sache wie einer Beziehung zwischen zwei oder sogar noch mehr Personen ein Tipp bis zu 90% der Personen hilft… Dann ist es einfach übertrieben vorsichtig zu betonen, dass es kein richtig und falsch gibt.

Und genau das ist auch das Problem was ich mit dieser Aussage habe. Sie möchte um jeden Preis Diversität anerkennen und verkommt daher manchmal zu Beliebigkeit. Klar sind für dich ziemlich andere Sachen richtig, wenn du eine Swinger-Beziehung führst, als wenn du in einem polyamoren Netzwerk lebst, oder in einer religiös-esoterisch geprägten Gruppenehe. Aber es gibt Dinge, die sind für die meisten Swinger zutreffend. Und welche die für die meisten polyamoren Menschen zutreffend sind.

Und in diesem Sinne gibt es durchaus Sachen die man „falsch“ machen kann. Das bedeutet nicht, dass man dann mit dem Finger auf jemanden zeigen muss. Wenn ich zum Beispiel einen Wasserrohrbruch reparieren muss, ist es auch ziemlich sicher, dass ich einiges falsch mache. Das macht mich nicht zu einem schlechten Menschen, aber eventuell mein Haus zu einem unangenehmeren Ort als er sein müsste.

Und um deutlich zu machen dass das ganze durchaus auch auf die zwischenmenschliche Ebene anwendbar ist: Die „normale Kindererziehung“ vor 100 Jahren, mit physischer Gewalt als legitimer Erziehungsmethode, ist ganz sicher falsch gewesen. Das wissen wir mittlerweile fast alle, und es ist auch ausreichend wissenschaftlich untersucht um als bewiesen zu gelten. Und trotzdem kann man den Leuten damals kaum einen Vorwurf daraus machen. Sie hatten eine komplette andere Historie, Lebensumstände, Erziehung und nicht mal Sozialwissenschaften um das ganze irgendwie zu überprüfen. Trotzdem war und wird es niemals richtig sein Kinder zu schlagen.

Und genau das denke ich mir auch oft, wenn ich davon lese, wie jede Beziehung richtig sein kann für den, der sie führt.

Ja, deine Beziehung wie sie ist, kann als solche sehr richtig sein für dich. Manchmal auch nicht, wir verändern und entwickeln und ja auch ständig. Und ja, es gibt ganz unterschiedliche Wege deine Beziehung angenehm zu führen. Genauso wie es unterschiedliche Wege gibt einen Wasserrohrbruch zu reparieren, oder seinen Kinder den Weg zu glücklichen Erwachsenen frei zu machen.

Aber selbst wenn deine Form an sich die richtige für dich ist, heißt das nicht, dass es nicht bestimmte Muster gibt, die anderen vorzuziehen sind. Oder das bestimmte Arten zu kommunizieren oder zu werten einfach schädlich sind.

Das ist nicht deine Schuld. Woher sollst du wissen, wie man einen Wasserrohrbruch repariert. Aber deshalb ist ein nasser Keller trotzdem eher nervig. Und für diese simple Tatsache finde ich es in Ordnung, wenn man die 1% unter uns mit amphibischen Neigungen, die gerne in einem nassem Keller leben und der Wasserrohrbruch genau so getroffen hat, dass sie sich jetzt endlich diesen Wunsch erfüllen können, selbst selektieren lässt. So schlau sind unser amphibischen Freunde bestimmt. :)

Mein Vorschlag: Angst vor Wertungen verlieren. Aufhören Personen zu werten und sich als Person werten zu lassen, sondern Wertungen nach simplem Nutzen machen. Und damit die eigene Entwicklung verbessern.

 

Schlusswort

Ich hoffe dir hat dieser Artikel gefallen.

Mir ist natürlich bewusst, dass gerade dieser Artikel wieder einer ist, der sehr dazu einlädt anderer Meinung zu sein. Und genau diese eigentlich selbstverständliche Sache möchte ich an dieser Stelle auch noch mal betonen: Es handelt sich um meine Meinungen und Gedanken. Du kannst gerne ein andere haben und ich würde mich sehr freuen, wenn du sie mir in den Kommentaren mitteilst.

Und natürlich freue ich mich auch, wenn du völlig meiner Meinung bist, wenn du mir etwas in die Kommentare schreibst, oder einfach Kontakt zu mir aufnehmen möchtest.

Viele Grüße,

Leo

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11 Kommentare

  • Antworten
    Sam
    Dienstag, der 15. November 2016 at 01:43

    Würde ja gerne rumnörgeln und rumkritisieren, aber der Artikel ist wirklich on point. Vielen Dank dafür, meines Erachtens einer deiner besten!

  • Antworten
    Lotta
    Samstag, der 17. Dezember 2016 at 23:44

    Der Abschnitt >Mythos 1: „Selbstliebe ist die Lösung für alles.“< hat mir besonders gefallen. Ich gehöre zu der Sorte von Menschen, die diesen Tipp gerne gibt. Ich komme aus dem sozialen Bereich und habe diesen Tipp schon häufig reflektiert. Mir ist dennoch jetzt nochmal bewusst geworden, was dieser Tipp mit dem Gegenüber möglicherweise macht. Ich werde in Zukunft vorsichtiger damit umgehen, auch wenn ich immernoch hinter diesem Ratschlag stehen. Ich sehe das allerdings nicht so schwarz/weiss. Nur weil man sich selber nicht liebt, kann man durchaus andere Menschen lieben. Aber es vereinfacht doch ungemein Dinge, wenn man sich selber mag. "Lieben" ist vielleicht zu hochgegriffen. Wenn man selber weiß, was sind meine Stärken und was sind meine Schwächen. Wenn man auch etwas mit sich selber anfangen kann, ohne sich über andere Menschen zu definieren. Ich möchte keinem absprechen, wen oder wie er liebt. Die Gefühle gehören jedem alleine. Ich denke aber schon, dass es deutlich schöner/einfacher ist, wenn man sich selber leiden kann. Aus eigener Erfahrung sowie aus beruflicher Erfahrung. Ich gebe den Tipp auch selten alleine, ich füge immer hinzu wie man dorthin gelangen kann und versuche meine Worte so zu wählen, dass es MEIN Weg war und jeder einen eigenen Weg zu gehen hat. Man darf sich auch seiner scheiße finden, das tut jeder mal. Aber etwas schön zu reden indem man sagt "du musst dich nicht selber lieben, finde dich halt scheiße und definiere dich über andere Menschen und ziehe diese noch mit runter" ist auch nicht toll. Ich habe den Abschnitt gerne gelesen und werde behutsam mit dem Tipp umgehen, dafür danke ich dir. Aber ein Mythos ist der Tipp bei Weitem nicht. Selbstliebe, oder sich selber mögen, reflektieren und mit sich alleine klar zukommen, sind definitiv eine starke

  • Antworten
    Marcus
    Donnerstag, der 29. Dezember 2016 at 01:39

    Lieber Leo, danke für diesen spannende Artikel. Allerdings ist für mein Verständnis Deine Widerlegung von Mythos 1 leider etwas zu einseitig ausgefallen. Hier meine Gedanken dazu:

    Warum das faktisch KEIN Quatsch ist?

    Leider ist es richtig, wenn du sagst, dass es viele Menschen gibt, die sich selbst nicht sonderlich gut leiden können. Damit ist auch nicht gleich gesagt, dass diese Menschen völlig liebes-unfähig sind. Aber trotzdem ist es doch überaus hilfreich, sich selbst anzunehmen und zu mögen, vor allem im Bereich der Beziehungen. Wenn du sagst, dass es Menschen gibt, die sich selbst nicht lieben, aber andere Menschen haben, die sie mögen, lieben und pflegen, ist damit nicht immer gesagt, dass diese Menschen aus einer echten Liebe heraus agieren, das kann auch viele andere Gründe haben, wie Hilfsbedürftigkeit, Abhängigkeit oder gut zusammenpassende Neurosen. Ich denke, dass du mit deiner Aussage darauf hinaus willst, dass jeder Mensch, so wie er ist, ok ist. Dies ist ein guter Ansatz und im Endeffekt ist dies ja bereits der erste Schritt zur Selbst-Annahme, aber ich denke auch, dass man vorsichtig damit sein muss, der Selbstliebe ihre Wichtigkeit abzuschreiben, da es sonst dazu führen könnte, dass Menschen die Motivation verlieren, an ihrer Selbstliebe zu arbeiten. Damit kommen wir zu Punkt 2.

    Warum das als Tipp KEIN Quatsch ist?

    Meiner Meinung nach bringt es sehr viel, wenn man weiß, dass Selbstliebe etwas Schönes wäre. Denn tatsächlich ist es durchaus möglich, Selbstliebe zu finden. Und das gehört meiner Meinung nach zu dem Wichtigsten, das man für sich selbst und für alle Anderen tun kann. Es kann natürlich ein sehr harter und steiniger Weg sein, aber jeder kleine Schritt in diese Richtung kann sich überaus gut anfühlen. Hier nur ein paar der Möglichkeiten, die es gibt: Therapie, Hypnose, Arbeit mit dem inneren Kind, Meditation. Im Grunde geht es darum, sich mit sich selbst zu konfrontieren, zu schauen, wo falsche Glaubenssätze vorherrschen und wo Traumata bestehen und diese dann aufzulösen. Grade die Meditation bietet hierbei viele Möglichkeiten in vielen Traditionen. Im Theravada gibt es die Metta-Meditation (Liebende Güte, die man mit sich und anderen trainieren kann) und im Tibetischen Buddhismus die Tonglen-Meditation (Aussenden und Annehmen, was auch im Bezug auf einen selber geschehen kann).

    Warum das moralisch KEIN Quatsch ist?

    So wie ich das verstehe, sagt ja keiner, das man keine glückliche Partnerschaft verdient hat. Aber darauf hinzuweisen, dass Selbstliebe sowohl für einen selbst als auch für die Partnerschaft als auch für alle Menschen, denen man im Leben begegnet, überaus hilfreich und angenehm sein kann, ist doch wohl moralisch keineswegs verwerflich, wenn nicht sogar notwendig. Man sollte natürlich auch hier, wie du das auch in der Kommunikation mit dem Partner und dem Experimentieren in einer offenen Beziehung beschreibst, sehr behutsam und entspannt vorgehen. Erst mal sich selber annehmen mit seinen Problemen, sich dann umschauen, was man dagegen tun könnte und ganz liebevoll und sanft mit Unterstützung des Partners damit beginnen.

    LG, Marcus

    • Antworten
      Leo
      Freitag, der 6. Januar 2017 at 17:42

      Hallo Marcus!
      Danke für deinen Kommentar.
      Zu dem Tipp Teil: Ich kenne das leider oft so, dass es eher „imperativ“ formuliert wird also: „Um zu lieben musst du erst mal dich selbst lieben.“ Und das Selbstliebe etwa gutes wäre, wusste bisher jeder Mensch den ich getroffen habe, der damit ein Problem hatte.
      Natürlich ist es gut an sich selbst zu arbeiten. Das sollte man aber völlig unabhängig davon tun, ob man gerne einen Partner finden möchte oder nicht. Die Menschen die ich kenne haben leider wenig „behutsam und entspannt“ Tipps bekommen. Es ging eher meistens in die Richtung, dass wer sich nicht selbst lieben kann einfach kein vollwertiger Liebespartner ist. Und das halte ich für falsch.

  • Antworten
    Tecor
    Freitag, der 6. Januar 2017 at 06:21

    „Oft ist weder klar wie der spezifische Verlauf einer Krankheit ist, noch was diese Krankheit genau ausmacht oder in welchen Symptomen sie sich äußert. Und am aller wenigstens wie sich das auf die Partnerschaft auswirkt.“

    Falsch. Dass es bspw. bei Borderlinern (BPS) vielfach eine promiske Veranlagung gibt und sie zu offenen oder heimlichen Poly-Beziehungen neigen, ist kein Geheimnis. Noch viel weniger Geheimnis ist, durch welches spezifische Verhalten der Borderline-Struktur es zu charakteristischen Beziehungsproblemen kommt, die zu Missbrauch und wiederholten, insbesondere seelischen Verletzungen innerhalb der Partnerschaften führen. Es spielt dabei schon eine Rolle, inwiefern sich Betroffene ihrer BPS stellen und reflektierten Umgang damit haben oder nicht… auch die Partner und Angehörigen. Aber die Tatsache, dass BPS Betroffene IMMER sowohl Spaltung, Idealisierung, Abwertung, als auch die damit verbundene projektive Identifikation nutzen (als Überlebensmechanismus) ist empirisch und wissenschaftlich sicher. Die Tatsache ebenfalls, dass man mit diesen Mechanismen zwar lernen kann besser umzugehen, aber sie niemals zu heilen sind. Wer von „geheilten Boderlinern“ spricht, wird erkennen müssen, dass es sich dabei um eine Falschdiagnose, in etlichen Fällen dafür um eine posttraumatische Belastungsstörung gehandelt hat, die den BPS Symptomen sehr ähnlich ist.

    • Antworten
      Leo
      Freitag, der 6. Januar 2017 at 17:59

      Hallo Tecor, vielen Dank für deine Meinung!
      Du hast jetzt quasi gezeigt, dass du dich vorher über Borderline informiert hast. Das ist allerdings meine Erfahrung nach bei wenigen Menschen überhaupt der Fall bevor sie z.B. Menschen mit Borderline PS stigmatisieren und abwerten.
      Außerdem weiß ich nicht woher du die Sicherheit hast zu behaupten überhaupt irgend etwas in der Medizin wäre „immer“ so. Dies ist so gut wie nie der Fall.

      Zu deiner Information: Die Borderline PS nach den aktuellen DSM 5 Kriterien setzt sich aus 9 Kriterien zusammen, von denen 5 erfüllt sein müssen um eine BPS zu diagnostizieren. Das was du beschreibst ist unter: „2. Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.“ zusammengefasst.
      Wie du siehst ist das nur eines von 9 Kriterien und man kann eine tatsächliche und korrekt diagnostizierte BPS haben ohne dieses Kriterium jemals zu erfüllen.
      Ebenfalls stimmt es nicht, dass Borderline nicht geheilt werden kann. Es gibt keine „Heilung“ in dem Sinne für Persönlichkeitsstörungen im Allgemeinen. Es ist aber relativ oft der Fall, dass im Verlauf eine erhebliche Besserung der Symptomatik eintritt, damit die Diagnosekriterien nicht mehr erfüllt sind. Hier kann man also formal von „Heilung“ reden.
      Auch hier wieder Wikipedia Zitat: „Eine völlige Erholung, die mindestens zwei Jahre andauerte, erlebten 60 % der Patienten, und eine völlige Erholung, die mindestens acht Jahre andauerte, erlebten 40 % der Patienten.“
      Was ist die Schlussfolgerung aus all diesen Daten?

      Das man sich selbst wenn jemand eine BPS hat, dies keineswegs heißt das derjenige unfähig ist eine liebevolle Beziehung zu führen oder unbedingt für eine Beziehung schwer zu verkraftende Muster zeigen muss. Es kommt auf die Einzelperson an und so etwas kann sich auch ändern. Noch dazu kann es sein, das man einen Partner hat der mit diesem Muster aus welchen Gründen auch immer sogar gut zurecht kommt. Hinzu kommt die von dir erwähnte Problematik dass diese Diagnose manchmal ohnehin falsch gestellt wurde.
      Ich weiß also nicht woher du deine absoluten Aussagen oder Gewissheit nimmst, dass Menschen mit einer BPS eine Ausnahme wären zu der „allgemeinen Liebesunfähigkeit psychischer Erkrankrungen“ und grundsätzlich immer Beziehungsfähig, anhand der Datenlage ist diese Aussage allerdings nicht haltbar.

      Es tut mir Leid, falls du mit BPS-Partnern schlechte Erfahrungen gemacht hast und finde es völlig in Ordnung wenn du aufgrund dieser schlechten Erfahrungen dich von Menschen mit dieser Diagnose fern halten möchtest. Schließlich haben wir alle unsere Narben und Präferenzen. Ich möchte dich allerdings bitten, keine Verallgemeinerung daraus zu ziehen und auch nicht gegenüber anderen Menschen zu verbreiten. Damit trägst du zur Stigmatisierung dieser Diagnose bei und machst es so betroffenen schwerer diese Diagnose anzunehmen und im schlimmsten Fall sogar überhaupt Hilfe anzunehmen.

      Viele Grüße,
      Leo

      • Antworten
        Tecor
        Samstag, der 7. Januar 2017 at 02:20

        Im Grunde geht es beim Großteil von Menschen, die mehr als einen Intimpartner benötigen, um sich erfüllt, im Zenit ihrer Wünsche oder sonstwas zu erleben, um einen Mangel, den „ein“ Partner vermeintlich nicht verpflastern kann.

        Natürlich kann man sich zu mehr als einem Menschen hingezogen fühlen, auch auf verschiedene Weise, das kennen viele, aber das Entscheidende ist doch zu welchem PREIS! Zu Lieben bedeutet doch, als etwas ganz zentrales auch, zu wissen was dem Geliebten weh tut.

        Wenn Polyamorie natürlich sei, ist es Eifersucht/Exklusivitätsanspruch/Verlässlichkeit/Wer ist da wenn ich in Not bin/ ebenso. Wer nimmt sich das Recht zu entscheiden, welche dieser Bedürfnisse befriedigt werden dürfen und welche man besser „wegoptimieren“, zurückstellen sollte?

        Es geht auch um psychische Gewaltformen wie zb. das Aufbauen von „hintenrum“-Mobbing gegen Einzelne. Es geht um Vorwürfe gegen Leute von Leuten, die sich selbst nie Vorwürfen gestellt haben. Es geht um Machtspiele, um Verantwortungslosigkeit, um Wahrnehmungs-Streits, um Beziehungskonstruktionen und um menschliches Miteinander.
        Weil es ihnen eben nicht um das in Schutz nehmen einer Freiheit geht, sondern darum eine Freiheit ÜBER das Bedürfnis von etwas zu stellen,von dem sie behaupten, es würde diese Freiheit missachten oder verletzen, obwohl SIE diejenigen sind, die die Freiheit sich gegen eine andere Freiheit durchsetzen zu müssen, in Frage stellen.

        Mehrere Partner gleichzeitig anzuzapfen, in diesen ohnehin schon für zwei anspruchsvollen
        Herausforderungen an Liebe, birgt nicht nur erhöhten Aufwand, sondern eine
        erhöhte Wahrscheinlichkeit das Geliebte in ihren Bedürfnissen zu verletzen,
        bzw. sie wie Objekte zu behandeln, die sie nicht in ihrer Gesamtheit als Mensch
        annimmt, sondern auf bestimmte Funktionen reduziert werden. Wenn jemand mit seinen
        Bedürfnissen einen Partner überfordert, zb. nach erfüllender Sexualität, kann
        er ja durchaus weiter daran festhalten, sich dann allerdings nicht als
        Freundschaft sondern noch als Paar zu beschreiben, was wesentliche Bedürfnisse
        auf andere auslagert, empfinden viele berechtig als Augenwischerei, sich in die Tasche lügen und
        unpassend für die überwiegende Vorstellung erfüllender Paarbeziehung.

        Ein wesentlicher Punkt dabei ist aber zuallererst:
        Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung!

        von Montag bis Sonntag. Von der Früh bis zum Abend.
        Der nicht nur physisch erwachsene Mensch lebt ein verantwortungsvolles Leben:
        Er muss einem Beruf nachgehen. Danach muss er sich erholen, sich um seinen
        Lebenspartner (und die gemeinsamen Kinder) kümmern. Danach kann er mit seiner
        Frau/seinem Mann schlafen oder auch nicht. Danach: einschlafen. Morgen:
        aufstehen! Wochenenden sind ein bisschen anders: Hier kann er sich, wenn er
        noch die Energie hat, eingehender um seine Familie kümmern, Freundschaften
        pflegen, Reisen, gelegentlich einmal ein Buch in die Hand nehmen und so weiter.
        All das geht kaum in einem einzigen Leben vorhandener Wochen-Zeit auf.

        Der Polyamorist will weismachen, dass er nicht nur einen Partner eingehend
        lieben kann , ihm Sicherheit geben, die gemeinsamen Kinder ökonomisch wie
        emotional versorgen, sondern viele. Der Polyamorist lebt nicht in der
        40-Stunden-Wochen-Welt. Die ethische Polyamorie ist praktisch unmöglich. Selbst wenn die Energie grenzenlos wäre, die Zeit ist es nicht. Die quantitative These, more lovers=more love ist Unsinn.

        Ganz zu schweigen von der Veranlagung und Prägung etlicher Menschen, der
        Zugehörigkeit (zu einer primären Bezugsperson, später dann einem Partner) eher
        alles zu unterwerfen, als allein zu sein. Die Angst bei solchen so groß ist,
        dass sie prädestiniert sind zum Missbrauch und eher jede Erniedrigung in Kauf
        nehmen, als ein Getrenntsein. Natürlich wird diese Tatsache gern verdrängt,
        wenns nicht zur eigenen Lustmaximierung und Planerfüllung auf Kosten anderer passt,
        verdrängt und übergangen wenns nicht zur Beziehungsideologie passt.

        Polyamory zieht die Intimität ins Freie und versprüht ein Gift, das anders als bei der Beendigung einer Beziehung, wo es zu den ekligsten Verfehlungen und Feindlichkeiten der ehemals Liebenden gegeneinander kommen kann, als Zwang zur Kommunikation, Weiterbildung, also Perpetuierung des Elends die Trennung als Zustand verewigt. So wird eine Krise in Permanenz heraufbeschworen, die sich nur durch eine Unzahl von Regeln und Vereinbarungen aufrecht erhalten lässt. Gewiss, die permanente Krise in der Polyamory ist nicht ganz von den Krisen in der monogamen Beziehung zu trennen. Doch wo in der Monogamie es so scheint, als würden Krisen immer wieder etwas Altes, Vergangenes abstoßen können, weil die Möglichkeit des Bruchs konstitutiv ist, gibt sich der Polyamore schon gar nicht mehr der Illusion hin, er könnte sich von irgendetwas lösen und wird eins mit einer Vergangenheit, die wegen der vergangenen aber niemals weggehenden Beziehungspartner stets die Gegenwart bestimmt. Im Gegensatz zu Swingern, für die das (temporäre) Wechseln der Sexualpartner durchaus eine Lösung zeitweiliger Krisen darstellt, und den unbeliebten, weil umtriebigen Singles, die sich nicht um die Gefühle der Partner über die gemeinsam verbrachte Nacht hinaus scheren, verlangt gelebte Polyamory die volle Affektkontrolle durch allseitige „Transparenz“ und bündelt die Frustration gegen den gemeinsamen Feind, die so genannte „serielle Monogamie“.
        Während in dieser Form bei der Trennung sich zwar alles Schöne als Gift erweisen muss, mit der wahrscheinlichen Folge, dass Angezogensein vor und Abscheu nach dem Bruch beim nächsten Male immer kraftloser werden, verleugnen die Anhänger von Polyamory das in der Exklusivität liegende Besondere gänzlich und liefern es völlig dem falschen Allgemeinen aus. Polyamory ist die Theorie eines bewusstlos prozessierenden Allgemeinen, das sich am Zerfall der Ehe „als einer der letzten Möglichkeiten, humane Zellen im inhumanen Allgemeinen“ (Adorno) zu bilden, weidet und hämisch konstatiert, dass auch sie das wahre Allgemeine nicht verwirklichen kann. Als zynisches Bewusstsein der Individuen über ihr privates Unglück macht sich Polyamory zum Sachwalter einer Inhumanität, die Ausweglosigkeit als scheinbar unhinterfragbaren Zwang auch noch freudig bejaht.

        Was bei bei der Polyamorie Ideologie stattfindet, ist in vielen Fällen der endgültige Einzug instrumentellen Denkens noch in die intimsten Bereiche unseres Lebens. Die Größe des romantischen Liebesideals bestand immer darin, den anderen Menschen als Ganzen anzuerkennen, mit allen Stärken und Schwächen, den man auch in schlechten Zeiten beistehen wollte, bis der Tod die Liebenden scheide. So unerreicht dieses Ideal auch in vielen Fällen blieb, so sehr unterscheidet sich ein solches Verständnis von Liebe doch von dem, das sich zunehmend herauszubilden scheint. Die Liebe funktionierte gerade nicht wie ein Vertrag oder Tausch, bei dem man penibel darauf achtet, ja nicht der Benachteiligte zu sein. Glück besteht in der Liebe viel mehr wesentlich im Glück des anderen, was es verunmöglicht, um etwas betrogen zu werden. „Wirkliches Schenken“, schreibt Adorno und hier ist ein Vergleich mit der Liebe naheliegend, „hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, auf seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken […] Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.“ Liebe ist demnach das glatte Gegenteil von Tausch und Verrechtlichung. Schon der Umstand, dass einer von der konkreten Person abstrahiert und sie zur „Zweitfreundin“ werden lässt, der als „Zweitfreundin“ bestimmte „Interventionsrechte“ zustehen oder aber versagt bleiben, ganz unabhängig von den konkreten Bedürfnissen des konkreten anderen Menschen, ist lieblos. Eine Lieblosigkeit, die man gar nicht ertragen würde, würde man sich selbst genau lieben, sich selbst genug begreifen, um zu dieser Empathie für andere, für Partner fähig zu sein.

        Lieblos ist auch die Fragmentierung anderer Persönlichkeiten in Hinblick auf gemeinsame und verschiedene Bedürfnisse. Nicht weil es nicht sinnvoll wäre, mit jenem Menschen zu leben, was mit diesem vielleicht nicht möglich ist, sondern weil sich darin die Arbeitsteilung andeutet. Wer seine Bedürfnisse nimmt und sie bestimmten Menschen zuordnet, tut damit zweierlei: Zum einen verdinglicht er seine Beziehungen zu anderen Menschen. Wenn Petra mit Paul keinen BDSM haben kann, weil dieser das nicht will, wird BDSM mit Sarah ihr dafür kein Ersatz sein können, weil BDSM mit Paul anders wäre als mit Sarah. Die konkrete Ausformung und Befriedigung von Bedürfnissen hängt ab von den konkreten, daran beteiligten Menschen. Wer also so tut, als sei ein Bedürfnis erfüllt, weil man es mit einem Menschen leben könne, der unterschlägt damit alle qualitativen Unterschiede des Bedürfnisses bzw. seiner Befriedigung in anderen Situationen mit anderen Menschen. Das ist, als bräuchte man eben einen Kühlschrank und sobald man einen habe, seien alle anderen Kühlschränke für einen unbrauchbar, das meine ich mit Verdinglichung, die gewaltvolle Gleichmachung qualitativ verschiedener zwischenmenschlicher Beziehungen. Gleichzeitig, und dies ist das angedeutete Zweite, wird es möglich, sich selbst auf ein „ich bin ja nicht für alle deine Bedürfnisse zuständig“ zurückzuziehen. Nicht dass irgendwer etwas tun sollte, was ihm zuwider ist, aber Liebe bestünde gerade im Interesse für die Gesamtpersönlichkeit, auch für die Teile, die einem selbst nicht zweckdienlich sein können, und nicht in der Fragmentierung des Anderen, die darin zum Ausdruck kommt. Was hier droht, ist die Degradierung des Anderen vom Subjekt zum Objekt, die Degradierung der Liebesbeziehung zur Zweckbeziehung.

        Die Größe der romantischen Idee besteht unter anderem darin, akzeptiert zu werden wie man ist, nicht an sich arbeiten zu müssen, sich nicht selbst optimieren zu müssen, wie es sonst überall von einem verlangt wird. Nicht dass es nicht auch manchmal sinnvoll ist, bestimmte und vor allem gewaltförmige Verhaltensweisen abzulegen, bestimmte Dinge zu reflektieren, aber nichtsdestotrotz liegt in der Freiheit, einmal zur Ruhe zu kommen und man selbst sein zu können, die Schönheit des romantischen Gedankens. „Das Intime zwischen Menschen ist Nachsicht, Duldung, Zuflucht für Eigenheiten.“ (Adorno) Dass es damit vorbei sein soll, zeigt die Unerbittlichkeit, mit der der bspw. Oliver Schott die ihn Lesenden zur Selbstdisziplinierung anhält, also dazu, gegen sich selbst hart zu sein. Wieder nichts Grundsätzliches gegen die Selbstreflexion, wohl aber etwas gegen den Gestus, man könne, wenn man nur wolle, alles aus sich machen, sich beliebig verändern, Unerwünschtes sich austreiben und Erwünschtes sich antrainieren, so mühsam das auch sei. Dies unterschlägt schon ganz grundsätzlich die gesellschaftlich bedingten Beschädigungen, die Menschen erleiden (Gefühl von Überflüssigkeit, Vereinzelung, Entfremdung, etc.) und entwirft das Bild einer flexiblen Psyche, die so flexibel niemals wird sein können.

        Die Idee romantischer Liebe scheint in Auflösung begriffen zu sein, an ihre Stelle tritt eine neue Sachlichkeit in Beziehungsfragen, eine neue Rationalität, instrumentelle Vernunft. In der Folge kommt es zu Verrechtlichungen, zu neuen Schematismen, das Tauschdenken setzt sich mehr denn je durch, ebenso das Prinzip der Arbeitsteilung noch im intimsten Bereich und die Intimität wird, wie alle anderen Bereiche, dem Imperativ der Selbstoptimierung unterworfen. „Mir scheinen“, so Horkheimer einmal in einem Interview, „die Folgen eines Erlöschens nicht zweckgebundenen Denkens, des Sieges des Intellekts über den Geist, die Konsequenzen des instrumentellen Charakters zwischenmenschlicher Beziehungen irreversibel.“ Die Entwicklung hin zum instrumentellen Charakter zwischenmenschlicher Beziehungen muss notwendigerweise die Idee romantischer Liebe aufkündigen, die Arbeitsteilung entspricht ihr mehr, sie muss also zwangsläufig mehrere Menschen, die ihrer Bedürfnisbefriedigung dienen sollen, an die Stelle setzen, wo bisher nur einer war. Polyamorie lässt sich dementsprechend lesen als gesellschaftliche Tendenz, die gerade auf die Abschaffung von Liebe hinausläuft zugunsten von instrumentellen Zweckbeziehungen. Dass dies nicht ihr offizielles Programm ist, verwundert natürlich nicht: Dieser Vorgang geschieht unbewusst und nach wie vor ist den Menschen die Liebe wichtig, an deren Begriff das allgemeine Glücksversprechen wesentlich hängt. Also rationalisieren sie sich die momentane Entwicklung sogar als Liberalisierung, als eine wachsende Quantität von Liebe, während deren Qualität beständig und weitestgehend unbemerkt abnimmt. Wenn sie die Stärke zur schonungslosen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber hätten. Das ist wahrlich kein Klacks.

        menschliche Liebe lässt sich ebenso wenig funktionalisieren und quantifizieren,
        wie das menschliche Glück in der kapitalistischen Warenwelt. Der Gedanke der
        Liebesglückmaximierung durch Partnerpluralisierung ist nichts anderes als eine
        narzisstische Neuinszenierung des dem Kapitalismus (Herr und Sklave – Haupt-
        und Nebenbeziehung) innewohnenden Prinzips der Profitmaximierung. Liebe lässt
        sich, wie schon erwähnt, aber niemals quantifizieren oder objektivieren, weil sie die innere
        Fähigkeit des Subjekts ist, sich produktiv auf sich selbst und seine
        Mitmenschen zu beziehen. Wer das nicht kann, liebt nur egoistisch infantil. Die
        Instrumentalisierung der Liebes-Objekte führt zur Pseudo-Liebe. Der Polyamorist
        erhebt in ihr die entfremdeten Liebes-Verhältnisse des monogamen Fremdgehers zu
        seiner Ethik. Die Polyamorie ist nicht tantrisch-religiöse Vereinigung, sondern
        ein Solo-Mindfuck.

        Gerade das Beginnen einer Liebe, in Verliebtheit, hat bei vielen einen solchen Sog, eine Kraft, die alles
        andere als frei ist, bezogen darauf, was andere Verbindlichkeiten von weiteren
        Beziehungen ebenfalls verlangen. Genau dort entsteht die Diskrepanz, entlarvt
        sich die behauptete Freiheit als ein Labyrinth von Beschränkungen, Reduktionen
        und Verzichten. Liebe verknastet in Terminplanern, noch jenseits derer von Job und Familie.
        Was soll das für eine Freiheit sein, von der da immer phantasiert wird? Es ist das Gegenteil!

        Wer möchte schon seine Priorität der Liebe als eine vage
        Option deklassieren, von der mehr abhängt als nur Gefühle. Als vage Option, die
        vielleicht theoretische Abmachungen theoretischer Sicherheit hat, aber durch
        die besagte Kraft und Unfreiheit von Gefühlen der Liebe praktisch unmöglich umzusetzen
        sind. Unmöglich dann, wenn jemand nicht in der Lage ist, auf etwas zu
        verzichten im Sinne einer gemeinsamen und belastbaren Priorität für einander.

        Was wir manchmal als Liebe bezeichnen ist eher die Angst davor. Berechtigt, wenn die Illusion davon Wahrheiten schwächt und Leid gedeiht, aber man dran gewöhnt ist, weil Menschen sich was vormachen, weil sie nicht ehrlich zu sich sind, wie könnten sie es dann zu andern ?, Nicht ehrlich woher das Leid kommt, welche Verantwortung sie für sich selbst tragen.

        Idiotisch, wenn jemand glaubt, er müsse leiden, um sie sich zu „verdienen.“

        „Wir leiden nicht so sehr unter unseren Fehlern oder unserer Schwachheit, sondern mehr unter unseren Illusionen. Wir werden nicht von der Realität gequält, vielmehr von jenen Bildern, durch die wir die Wirklichkeit ersetzt haben.“ (Rilke)

        die meisten reproduzieren bekanntlich unwillkürlich ihr Bild von Beziehung aus ihrer primären Bindungserfahrung als Kind. Das ist elementarer Teil der Identität. Es geht gar nicht anders. Dieses vermeintliche „Ideal“ ist sehr mächtig. Da kann man tausende Bücher und kluge Einsichten später entdecken, wie es scheinbar besser wäre.
        Das willkürliche, beharrliche Entgegenwirken braucht sehr viel Kraft und Willen.

        Der Grund, warum so viele unter ihrem Potenzial und einem Qualitätsniveau bleiben, dass ihnen schwindelig würde vor Erleuchtung, der Grund ist, dass sie primär gelernt haben, dass Leid der Preis für Liebe wäre. Darauf „einigen“ sich viele, zahlen einen furchtbaren Preis ihrer Möglichkeiten.. und es ist so falsch, so traurig dumm.

        • Antworten
          Leo
          Sonntag, der 15. Juli 2018 at 12:17

          Hallo nochmal Tecor. Du scheinst wirklich sehr schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, das tut mir Leid. Dennoch sind deine verallgemeinernden Thesen, so sehr du sie auch philosophisch begründen magst nicht haltbar. Bei einer These reicht ein Gegenbeispiel um sie zu falsifizieren. Da ich persönlich zu all deinen verallgemeinernden Aussagen Menschen kenne, die andere Erfahrungen gemacht haben und es anders erleben und leben, ist also nicht wirklich etwas davon übrig.
          Ich würde dich in Zukunft bitten Dinge zu teilen die dich persönlich betreffen und die du persönlich erfahren hast beziehungsweise davon und überzeugt und es als dich betreffend zu schreiben. Vielleicht kann man dir dann sogar helfen :)

          Viele Grüße,
          Leo

  • Antworten
    Mari
    Sonntag, der 15. Juli 2018 at 00:40

    @Tecor, all deiner intellektuell sehr anspruchsvollen und interessanten Thesen zum Trotz bleibt es eine Tatsache, dass ich mich in mehr als einen Menschen verliebe. Ich leide aber nicht unter diesen Gefühlen, als wären sie eine Krankheit oder etwas, das nicht so sein solte. DAS wird mir NUR von der Außenwelt, von Denkweisen, wie du sie hier darlegst, nahegebracht. Meine Gefühle von Liebe und Zuneigung empfinde ich als vollkommen stimmig, ich geniesse sie und ich bin mir ihrer bewusst in all ihren Facetten. Dass daran etwas nicht in Ordnung sein soll, dass sie pathologisiert werden – das liegt an gesellschaftlichen und moralischen Normen.

    Ein Bespiel wäre: Ein Kind spielt mit seinem Körper und empfindet unschuldig-kindliche Freude, vielleicht Lust. Dann hiess es (und heisst es oft immer noch): Finger weg, das ist böse, das macht man nicht. Also wird das dann eben heimlich gemacht. Wer setzt die Norm hier? Wer urteilt? Wer sagt, was ist „richtig“ und „natürlich“?

    „Die Größe des romantischen Liebesideals bestand immer darin, den anderen Menschen als Ganzen anzuerkennen, mit allen Stärken und Schwächen, den man auch in schlechten Zeiten beistehen wollte“ – Woher weisst du, dass polyamor lebende Menschen das nicht tun? Hast du sie danach gefragt? Die Menschen, die ich kenne (die so leben), sind keine egoistischen Bedürfnisbefriediger, denen der Partner/die Partnerin egal ist und die ihre Beziehung instrumentalisieren. Sie lieben sich so, wie sie sind, sie sind im Gegenteil besonders aufmerksam mit ihren Partnern, da die frei gelebte Liebe NOCH viel mehr Einfühlungsvermögen und Liebesfähigkeit verlangt.

    Liebe Grüße, Mari

  • Antworten
    claude
    Donnerstag, der 16. August 2018 at 06:34

    hallo leo, danke für deine vielen spannenden und auch guten artikel.
    ein paar anmerkungen von mir:
    das wort „hermaphrodit“ ist diskriminierend und ich fände es gut, wenn du es nicht verwenden würdest. https://queer-lexikon.net/wp/2017/06/15/hermaphrodit/
    in deinem beispiel benutzt du inter*sein zudem als exotisierung und stellst cis-sein und bestimmte formen der sexualität als das „normale“ und häufigere dar. das ist echt nicht okay! ich finde mich tatsächlich nicht oft wieder in deinen ansprachen, da du dich meistens irgendwie nur an cis und heteros richtest. das ist zum beispiel nicht feministisch, wo du ja anscheinend den anspruch erhebst, feministisch sein zu wollen. du könnest zum beispiel genderneutrale sprache benutzen und eben nicht bestimmte sexualitäten und identitäten normalisieren. das fände ich prima.
    liebe grüße.

    • Antworten
      Leo
      Dienstag, der 9. April 2019 at 16:58

      Hi Claude!
      Danke für deine Kritik! Ich hab leider eine ganze Weile gebraucht um sie erst mal auf mich wirken zu lassen, sie dann anzuerkennen und letztlich zu dem Schluss zu kommen dass ich sie umsetzen werde.
      In kurz: Ich denke du hast Recht. Ich werde meine Beiträge entsprechend überarbeiten. Bitte hab Nachsicht wenn das leider alles eine Weile dauern wird, weil es leider ein nicht ganz unerheblicher Arbeitsaufwand ist. Ich mach mich aber auf die Socken!

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