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Mit diesem simplen Trick Angriffe in Freunde verwandeln

Angriffe verwandeln

Vielleicht kennst du das: Du erwähnst nebenbei irgendwo, dass du eine offene Beziehung hast und auf einmal spitzen alle die Ohren. Auf einmal ist jeder Experte für Beziehungen und meint nicht nur seine Meinung zu diesem Thema zum Besten geben zu müssen, sondern fühlt sich auch noch berechtigt dich persönlich in deiner Art Beziehungen zu führen anzugreifen.

„Du warst einfach nur noch nie richtig verliebt.“ und „Na ja wenn du älter bist ändert sich das schon wieder.“ sind da noch die eher freundlicheren Kommentare.

Manchmal kann es natürlich witzig sein zu diskutieren. Aber manchmal möchte man auch einfach mal seine Ruhe haben und nicht die ganze Zeit angegriffen werden. Doch wie kann man das hin bekommen? Ich erkläre es dir in diesem Artikel.

Die Sache mit der Normativität

Die erste Frage die man sich stellen kann: Warum kommt es überhaupt immer wieder zu dieser Situation? Warum interessiert es überhaupt jemanden, wie du dein Beziehungsleben gestaltest? Und warum fühlen sich einige Menschen dann auch noch berufen dir da rein reden zu müssen?

Die Antwort ist: Normativität. Alles was der „Norm“ entspricht, ist normativ, alles was es nicht tut ist nicht normativ. Diese Norm kann im Prinzip für alle gesetzt werden. Wenn du respektlose Fragen zu deinem Beziehungsleben gestellt bekommst, oder generell Menschen anfangen mit dir zu diskutieren nur weil du es erwähnt hast, bist du in einem Raum in dem Monogamie der Norm entspricht. Der Einfachheit halber nennen wir diese Norm im folgenden: „Mono-Normativität“. Es könnte natürlich auch sein, dass du gerade auf einem Stammtisch bist, wo monogam lebende Menschen eher die Ausnahme sind. Dort wirst du dieses Problem dann natürlich nicht haben. Genauso wirst du mit „Hetero-Normativität“, also der angenommenen Norm der Heterosexualität nicht unbedingt auf LGBTQ Stammtischen konfrontiert sein.

Aber gehen wir einfach mal von der normalen Mono-Normativen Umgebung aus. Du hast bewusst oder aus Versehen fallen lassen, dass du nicht monogam lebst oder Monogamie nicht gut findest. Oder sonst irgendwie durchblicken lassen, dass du eben nicht Mono-Normativ bist.

Schnell entwickelt sich daraus eine Diskussion.

Typischer Ablauf einer Diskussion

Als Erstes wird für gewöhnlich gefragt, was du genau meinst. Es wird also spezifiziert ob du das, was du gerade gesagt hast nicht vielleicht als Witz gemeint hast. Dieses Nachfragen findet oft wenn überhaupt nur sehr oberflächlich statt. Es geht bei dieser Form der Kommunikation nicht darum, wirklich zu verstehen was du denkst oder wie du lebst, sondern im wesentlichen darum die eigenen Vorurteile zu bestätigen. Des Weiteren geht es auch darum die eigene Norm als solche zu verteidigen. Das Gespräch ist „gewonnen“ wenn du am Ende des Gesprächs ein komischer aber liebenswürdiger und harmloser Freak bist und absolut 110 % klar geworden ist, dass nicht-monogame Lebensweisen nur in ganz schrägen Ausnahmefällen funktionieren können.

Für dich dagegen gibt es ein wirkliches „gewinnen“ nicht, weil dir in erster Linie überhaupt nicht klar war, dass du mit deiner Existenz einen Kampf gestartet hättest.

Aus dieser Situation kann viel Frust erwachsen und oft hat man einfach keine Lust mehr sich diesen ganzen Kram immer wieder anhören zu müssen.

Was aber, wenn es eine Methode gäbe, mit der du diese Gespräche schnell und effizient beenden kannst? Und nicht nur beenden, sondern sogar so beenden, dass danach ein Verständnis und größeres ehrliches Interesse für deine Lebensart besteht? Denn ehrliche offene Fragen stören mich persönlich in den seltensten Fällen. Was stört ist der Angriff.

Der Trick: Angriffe verwandeln

Der Trick Angriffe in interessierte Menschen umzuwandeln läuft in drei Schritten.

Als Erstes kommt die Offenbarung.

Du erzählst, dass ihr zu dem Thema Monogamie eine andere Meinung hast, als die Standartmeinung. Oder du sogar eine nicht monogame Beziehung lebst. Bis dahin ist nichts großartig anders als sonst.

Außerdem differenzierst du, ob dir die Reaktion darauf passt. Wenn dein persönliches Bauchgefühl sagt, dass dir hier gerade der Respekt fehlt, gehe zum nächsten Schritt. Wenn nicht, alles okay, kein Grund für Erziehung. Denk daran, nicht alle Menschen sind voreingenommen und manchmal fragen Leute auch einfach tatsächlich ehrlich interessiert nach und sind dabei vielleicht ein bisschen tollpatschig.

Wenn du erkannt hast, dass es sich um einer Situation handelt, die macht, dass du dich unwohl fühlst oder dich einfach nervt, geht es weiter.

Der zweite Schritt ist Fokus.

Konzentriere deine Argumente nur noch auf einen einzigen Punkt. Und zwar die Anerkennung, dass deine Art von offenen Beziehungen für dich funktioniert und speziell dich glücklich macht. Du betonst dabei, dass dies nur für dich gilt. Trotzdem verlange aber vom anderem – auch mit Nachdruck! – dass er nicht anzweifelt, ob das für dich das richtige ist. Wenn der andere frech wird und behauptet du wärst damit gar nicht glücklich, kannst du den Spieß einfach umdrehen. Entweder weist du ihn darauf hin, dass du mit der gleichen Argumentation behaupten könntet, SEIN Beziehungskonzept – also die Standard-Monogamie – mache ihn unglücklich oder du behauptest einfach in genau der gleichen Wortwahl Monogamie mache IHN doch gar nicht glücklich. Wenn der andere dann versucht sich zu rechtfertigen kannst du sagen, dass mit solchen versteiften Fronten keinerlei Austausch über dieses Thema möglich und nötig ist. Beispiele für diese direkte Spiegelung sind:

  • „Ich verstehe nicht, wie man mehr als einen Partner haben kann. Das kann doch keine echte Liebe sein?“ wird beantwortet mit: „Ich verstehe nicht, wie man nur einen Partner haben kann und diesen so einschränken können will. Das kann doch keine echte Liebe sein.“
  • „Das ist doch unnatürlich.“ wird beantwortet mit: „Monogamie ist total unnatürlich.“
  • „Da hat man doch gar nicht wirklich einen Partner.“ wird beantwortet mit „Wenn man nur einen Partner hat bleibt man doch nur mit dem zusammen, weil es nicht anders geht. Da hat man gar nicht wirklich einen Partner.“
  • „Das ist doch eigentlich nur rumficken.“ wird beantwortet mit: „Das ist doch eigentlich nur Feigheit.“

Ich denke du verstehst das Schema. ;)

Vielleicht wirst du an dieser Stelle mit einem weiteren Argument konfrontiert. Die Behauptung, dass offene Beziehungen allgemein unmöglich seien. Lass dich davon nicht aus der Ruhe bringen! Egal ob du selbst in der Situation bist, in der du dich als Gegenbeispiel zeigen kannst, oder gerade Single: Lass dieses Argument nicht gelten. Verweise auf andere Menschen, die eine offene Beziehung führen. Erkläre, dass es viele Menschen gibt, die auf viele unterschiedliche Arten dieses Konzept leben und als einfaches Beispiel zusammen Swinger Clubs besuchen.

Wenn du niemanden kennst, verweist gerne auf meine Seite oder auf Personen aus Erfahrungsberichten. Denn die Aussage, dass offene Beziehungen nicht möglich seien, ist durch ein einziges Fallbeispiel widerlegt!

Als Drittes kommt das geniale an der ganzen Sache.

Statt weiter feurig zu argumentieren, stellst du ab jetzt jeglichen Widerstand ein!

Sagt die andere Person, dass dieses Konzept für sie nicht funktionieren würde, stimme ihr zu. „Ja ich glaube auch, dass dieses Konzept für dich nicht unbedingt das richtige ist.“

Sagt die Person, dass es ihr zu anstrengend ist stimme ihr zu. „Ja es kann manchmal ganz schön anstrengend sein.“

Sagt sie dass die Eifersucht einen doch umbringen müsse, bekräftigt ihn. „Ja die Eifersucht ist oft ein Problem und manchmal gar nicht so einfach zu lösen.“

Auch wenn dir das im ersten Moment vielleicht kontraintuitiv vorkommt: Dieser Trick ist enorm mächtig! Denn was du machst, ist ein Vakuum zu erzeugen, dass dem anderen keine Luft mehr lässt, seine Vorurteile weiter anzuheizen. Alles was die andere Person jetzt sagt, sind nur noch Ich-Aussagen, die mit dir nicht mehr das geringste zu tun haben.

Aber sie wollte ja mit dir darüber reden! Sie sind die neugierigen! Sie wolle mehr erfahren! Aber die anschuldigende rechthaberische Art kann jetzt – so ganz ohne Widerstand – nicht mehr beibehalten werden. Der andere wird also dazu übergehen, das letzte Mittel zu wählen, um das Gespräch noch am Laufen zu halten. Er wird dir ehrlich gemeinte Fragen stellen.

Er wird sich interessieren für das, was er bisher für unmöglich hielt. Er wird in eine Position gesetzt, in der er von dir etwas will, statt dass du irgend etwas verteidigen musst. Er will Informationen und Tipps. Und weil diese Fragen ehrlich sind, wird er sie genau dort stellen und sie werden ihn auch genau dort treffen, wo er selbst die größten Zweifel hat.

Warum funktioniert das?

Durch die eingeforderte Akzeptanz der Realität hast du indirekt einen Tabubruch erzeugt. Ein Tabu, von dem der andere gar nicht wusste, dass er es hat: Die Idee, dass Monogamie die einzig funktionierende Beziehungsform ist.

Ist dieser Tabubruch einmal erzeugt, nagt das an jedem Menschen, der hin und wieder an der Monogamie zweifelt. Nur diese Menschen sind es auch, die dir überhaupt aggressiv begegnen. Es kann auch sein, dass dir dein Gesprächspartner nicht sofort interessierte Fragen stellt. Aber es kommt wahrscheinlich der Punkt, an dem er Zweifel hat und nicht weiß, an wen er sich mit diesen Zweifeln wenden soll. Genau dann wird er sich an dich erinnern.

Du bist fortan der Ansprech- und Anziehungspunkt für sämtliche Fragen zu diesem Thema. Man wird dir dankbar sein für jede Information die du geben kannst. Auf dieser Grundlage kannst du mit diesem Menschen dann viel offener und ehrlicher kommunizieren. Du kannst ihm weiter helfen und dich transparent über eure Meinungen austauschen.

Und hey, vielleicht kannst du ihm sogar meine Seite empfehlen…

Probiere das ganze einfach das nächste mal aus, wenn jemand dich wegen deiner Meinung zu offenen Beziehungen angreifen will. Du wirst überrascht sein wie viel Ärger und unsinnige Diskussion du dir damit ersparst!

Schreib mir auch sehr gerne deine Erfahrungen mit dieser Methode und ob du noch etwas ergänzen oder verbessern würdest. Ich bin gespannt auf deine Rückmeldung!

Viele Grüße,

Leo

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3 Kommentare

  • Antworten
    Robin
    Sonntag, der 17. Juli 2016 at 17:16

    Sehr gut, das werde ich mal ausprobieren!

  • Antworten
    Frank-Rüdiger Wasserscheidt
    Donnerstag, der 22. September 2016 at 10:45

    Hallo Leo,
    stark,
    deine Methode hat Hand und Fuß (:>).
    Hatte mir als Resource für die Diskussionen zum Thema Polyamorie wirklich noch gefehlt.
    Und kann mensch ja auch noch für alle anderen Ausbrüche aus der Normativität /Tabu-Brüche verwenden können,
    aller herzlichsten Dank,

    Frank-Rüdiger Wasserscheidt

  • Antworten
    Jim Preuß
    Montag, der 24. Juli 2017 at 06:37

    Hey Leo,
    Sau cooler Artikel. So sind wirklich die meisten erfolgreichen Gespräche dieser Art, die ich hatte, verlaufen. Danke fürs zusammenstellen!

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