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Nachteile einer offenen Beziehung

Vielleicht möchtest du die Nachteile einer offenen Beziehung wissen, um herauszufinden, warum das keine gute Idee ist. Vermutlich weil jemand mit dem du zu tun hast, das gerne möchte? In diesem Fall werde ich dir mit diesem Text nur teilweise weiterhelfen können. Die Nachteile die es tatsächlich gibt, sind nicht die Nachteile, die du als Argumente benutzen kannst, es gar nicht erst zu versuchen.

Oder aber du bist hier her gekommen, um dich zu ärgern, das jemand offene Beziehungen schlecht macht. Auch dich werde ich leider enttäuschen müssen.

In diesem Artikel werden sowohl die Pseudo-Gründe gegen eine offene Beziehung aufgedeckt, als auch die tatsächlichen Gründe, die jemand haben kann sich dagegen zu entscheiden auf den Tisch gelegt.

Offene Beziehungen sind nicht für jeden etwas. Aber ob sie für dich etwas sind, kann dir kein Artikel verraten. Was ich aber tun kann und werde, ist dir ein unvoreingenommenes, ehrliches Bild zu geben, was echte Nachteile einer offenen Beziehung sein können und was nicht.

Teil 1/3: Scheingründe gegen eine offene Beziehung

Im ersten Teil möchte ich für dich gerne etwas Licht auf die Gründe werfen, die eigentlich keine Sind. Es sind im wesentlichen gängige Vorurteile oder aber auch Erfahrungswerte von Menschen, die ähnliches mal probiert haben. Dennoch ist nicht jede Erfahrung allgemein gültig und auch nicht unbedingt jedes Vorurteil falsch.

Unnötig, wenn es echte Liebe ist

Viele Menschen sind der Meinung, wenn mensch jemanden nur wirklich™ liebt, dann braucht es auch niemand anderen mehr. Vor allem bräuchte mensch nichts anderes als Monogamie.

Es ist ziemlich schwierig „wirkliche Liebe“ von der folgerichtig dann auch existierenden „falschen Liebe“ zu differenzieren. (Das gängige Kriterium ist ob man Zeitraum X zusammen geblieben ist oder nicht.)

Regenbogen Papageien
Gleich und doch ganz verschieden…

Wir Menschen sind ganz unterschiedlich und können ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche haben. Manche von uns mögen Penise und manche Vulvas, und manche mögen beides oder keins von beidem. Und manche von uns mögen dünne Körperformen, oder dicke Formen. Oder beides oder keins von beidem. Manche mögen eher witzige extrovertierte und andere eher nachdenklich introvertierte Menschen. Oder beides, oder keins von beidem. Manchmal präferieren wir ausdauernde Liebhaber, und manchmal eher zurückhaltende. Und manchmal beides oder keins von beidem, oder beides auf einmal. Diese Liste könnte ich beliebig fortführen. Und selbst wenn jemand zu den Menschen gehört, die nur genau eine klare Präferenz haben, können manche Präferenzen einfach nicht durch den eigenen Partner erfüllt werden. Mein Partner kann zum Beispiel niemals zwei Personen sein.

Und wenn es ihn doch gibt, den perfekten Partner?

Aber auch wenn es jemanden gibt, der alle meine Ansprüche auf einer imaginären Checkliste erfüllt, ist das Problem nicht weg. Es kommt vor, dass sich Dinge verändern. Mein Partner kann sich verändern, oder ich mich selbst. Auch Lebensumstände können sich ändern. Wenn jemand, sobald er nicht mehr all meinen Ansprüchen genügt, nicht mehr meine „echte Liebe“ ist, dann ist meine Liebe ziemlich zweckorientiert.

Und zuletzt das wichtigste Argument. Es gibt viele Menschen, die ganz ehrlich und subjektiv mehrere Menschen gern haben und mit ihnen Sex haben wollen. Oder eben mehrere Menschen lieben können und wollen. Diesen Menschen ihre Liebe in Abrede stellen, nur aus Angst, dass es bei einem selbst auch so sein könnte, ist gemein.

Und auch in der monogamen Welt gibt es unzählige Beispiele, in denen Beziehungen, die eigentlich stabil waren, an diesem Perfektionsanspruch zerbrochen sind. In Filmen werden Dreiecksbeziehungen und Seitensprünge oft als Drama, oder Rom-Com dargestellt. Drei Menschen die sich in irgend einer Form gegenseitig mögen.

Die Standardlösung dieser Darstellungen ist entweder großes Unglück, oder die herauskristallisierung eines „richtigen“ Paares. In der echten Welt laufen solche Konstellationen selten in dieser Weise ab. Öfter sind sie ein Potential für Trennung, oder eben persönliche Entwicklung.

Alles in allem: Ob eine Liebe „wirklich“ oder „echt“ ist, hat nichts damit zu tun, zu wie vielen Menschen sie empfunden wird.

Geht nicht mehr nach Heirat oder gemeinsamen Kindern

Viele Menschen denken, eine offene Beziehung ist etwas das nur funktionieren kann, so lange es nicht „ernst“ wird.

Damit ist zumeist eine Heirat oder Kinder kriegen gemeint. Beides ist Quatsch. Es gibt viele Menschen die aus diversen Gründen – auch aus ganz klassisch romantischen – verheiratet sind und offene Beziehungen haben. Und es gibt viele Familien, in denen es Kinder gibt und in denen die Erwachsenen kein klassisches Beziehungsmodell haben. Ich habe dazu selbst einen längeren Artikel geschrieben und Elisabeth Sheff hat sogar ein ganzes Buch dazu geschrieben.

Fehlende Sicherheit

Oft sagen Menschen, in einer offene Beziehung würde ihnen die Sicherheit fehlen. Dieses wahrgenommene Sicherheitsgefühl ist jedoch ein subjektives. Auch wenn es bitter ist, dass einzusehen, eine monogame Beziehung kann genauso jederzeit zu Ende gehen wie eine offene. Und sogar aus genau den gleichen Gründen. Es können Dritte Personen eine Rolle gespielt haben, oder es können ganz andere Gründe gewesen sein.

Ob eine offene Beziehung wirklich „stabiler“ oder „weniger stabil“ ist, also ob sie genau so lange hält wie eine monogame, dazu gibt es leider nicht wirklich zuverlässige Daten. Meine persönlichen Erfahrungen zeigen eher, dass die Länge der Beziehungen eher etwas mit dem Alter und der Lebensphasen der Beteiligten zu tun hat. Zwei Menschen die einen primär oder nesting Partner suchen, werden tendenziell eher länger zusammen bleiben. Zwei Menschen, die sich in einer selbstfindungs- oder austobe-Phase finden, tendenziell eher kürzer. Aber eher heißt eben auch nicht immer. Es bliebt letztendlich Zufall und Glück und eigener Wille die Beziehung länger zu halten oder eben nicht. Ganz unabhängig davon ob die Beziehung offen ist oder nicht.

P.S. Die Länge einer Beziehung als Maßstab für ihren „Erfolg“ ist auch nicht wirklich sinnvoll.

Fehlende Intimität

Schon oft habe ich von monogamen Menschen gehört, in einer offenen Beziehung würde ihnen die Nähe fehlen. Sie bräuchten jemanden sehr intim bei sich und das würde mit einer offenen Beziehung einfach nicht gehen.

Das kann natürlich ein ganz persönlicher Grund sein, lieber keine offene Beziehung haben zu wollen. Es ist aber kein allgemein gültiger Grund.

Die Intimität einer Beziehung kann selbst innerhalb derselben Beziehung stark schwanken. Und offene Beziehungen können sehr unterschiedliche Formen annehmen, in denen weitere Menschen unterschiedlich wichtige Rollen spielen.

Intimität
Ganz verschiedene Formen von Intimität.

Und selbst wenn eine Form gewählt wurde, in der es mehrere sehr wichtige Menschen gibt, heißt das nicht, dass die Intimität darunter leidet. Es gibt ganz unterschiedliche Formen Intimität auszudrücken und auch ganz unterschiedliche Bedürfnisse danach. Und auch ein sehr hohes Bedürfnis nach Intimität in einer speziellen Form kann in einer offenen Beziehung ausgedrückt werden. Manchmal sogar besser als in einer monogamen Beziehung. Viele BDSM Beziehungen sind zum Beispiel teilweise geöffnet. Viele Menschen in dieser Szene berichten von einer höheren Intimität zu ihrem Partner trotzt, oder gerade wegen dieser Öffnung.

Zu viel Stress

Offene Beziehungen sind einfach zu stressig. Jedenfalls wird das oft als Argument verwendet. Das ist das erste Argument das einen Funken Wahrheit enthält. Aber die Wahrheit ist deutlich differenzierter.

Grundsätzlich ist eine offene Beziehung nicht mehr Stress, als eine monogame Beziehung. Viel wichtiger ist hier, wie Beziehungen geführt werden und was einem wichtig ist.

Wenn mehr Menschen in meinem Leben eine Rolle spielen bedeutet das grundsätzlich erst mal mehr mögliche Faktoren Stress zu haben. Schließlich mulitplizieren sich mit jedem weiterem Partner allein schon alle wichtige Lebensereignisse und damit auch der damit eventuell verbundene Stress.

Twittertext
In this economy??

Optimalerweise kommen aber auch mit jedem Partner neue Entlastungen und Ressourcen zur Geltung.

Ein Beispiel:

Ein Haushalt in dem mehrere Partner zusammen leben und ihr Einkommen zusammen werfen. Dieser Haushalt fällt so dermaßen aus jeglichen Normen raus, dass man hier ohne große Probleme ein bis zwei Stufe über seinem eigentlichen Einkommensniveau leben kann.

Mehr Geld bedeutet in der Regel weniger Stress, zumindest bis zu einem gewissem Punkt.

Egal wie ich es drehe und wende, am Ende läuft es darauf hinaus, dass mein Leben so viel Stress enthält, wie ich es zulasse. Und das letztlich ganz unabhängig davon wie viele Partner ich habe. Oder eigentlich ist es ganz und gar nicht unabhängig davon. Aber in welche Richtung es sich dann entwickelt, hängt viel mit mir und meinen Partner/n zusammen. Und nicht davon, wie viele ich davon habe.

Es gibt keine Leute die das wollen

Nö stimmt nicht.

Meine Erfahrung ist eher, dass Menschen die sich schwer tun Partner zu finden, sich auch in polyamorer Lebensweise schwer tun. Menschen die eher mal einen Partner zu viel hatten, werden dieses Problem auch in offenen Beziehungen weiter haben.

Die Zeiten in denen mensch mit einer nicht-monogamen Lebensweise isoliert ist, sind vorbei.

Teil 2/3 Nachteile die nur in monogamen Beziehungen welche sind

Im zweiten Teil möchte ich auf die Gründe eingehen, die formell Nachteile einer offenen Beziehung sind. Diese Gründe beißen sich aber quasi selbst in den Schwanz. Es sind also Gründe, die aus monogamer Sicht gegen eine offene Beziehung sprechen, aber aus nicht-monogamer Sicht ihre Gültigkeit verlieren. Diese Dinge sind teilweise etwas schwer zu fassen und zu verstehen.

Vielleicht möchtest du an einigen Stellen sagen: Das könnte doch in einer monogamen Beziehung genauso gut gelten? Das stimmt zwar, aber meine persönliche Erfahrung zeigt mir mittlerweile, dass dies selten der Fall ist.

Keine Symbiose mehr

In monogamen Beziehungen kann oft beobachtet werden, dass die beiden Partner mit der Zeit eine Art Symbiose eingehen. Das bedeutet, das jeder die Nachteile des anderen ausgleicht und beide füreinander da sind. Das klingt erst mal ganz gut, hat jedoch ein großes Problem: Es handelt sich um zwei Menschen und nicht um einen. Eigene Nachteile, die durch engstes
Zusammenleben und aufeinander beziehen ausgeglichen werden, sind vielleicht auch dringende Warnsignale gewesen, wo ich an mir arbeiten muss. Einen Partner zu haben, der einem viele der Probleme abnimmt, weil sich das halt einfach so gehört, sorgt vielleicht auch dafür, dass ich mich nicht wirklich gut weiterentwickeln kann.

Aber ist das nicht nur dann ein Problem, wenn sich stattdessen nicht die symbiontische Form, also die Beziehung als ganzes weiterentwickelt? Das mag zwar sein, aber auch hier bleibt eine Frage offen. Was ist, wenn das ganze doch nicht für immer hält und einer der beiden irgendwann wieder eigene Wege gehen will? Das Ergebnis sind sehr schmerzhafte und schwer zu verarbeitende Trennungen.

Dieses extreme aufeinander beziehen und sich gegenseitig ausgleichen, ist in einer monogamen Beziehung oft der beste – und teilweise auch einzige – Weg um mit dem Alltag zurecht zu kommen. Es wird in der Regel mit dem Partner mehr Zeit verbracht, als mit jedem anderem Menschen. Wenn hier keine derartige Bindung besteht, können viele andere Probleme auftauchen. Zum Beispiel fehlende gegenseitige Unterstützung, große logistische Schwierigkeiten den eigenen Alltag zu organisieren oder schlicht und einfach emotionale Ermüdung.

Das Symbiose Schlafzimmer Beispiel

An dieser Stelle vielleicht ein kleines Beispiel um klar zu machen, was ich meine:

Paar im Bett
Harmonie oder Konflikt?

In sehr vielen monogamen Beziehungen haben zwei monogame Menschen die zusammen ziehen oder zusammen gezogen sind, ein gemeinsames Schlafzimmer. Das ist von daher praktisch, da so ein Raum gespart wurde. Sonst bräuchte es einen Raum mehr und zusätzlicher Mietraum belastet den Geldbeutel. Das sorgt aber gleichzeitig für eine Situation, in der es sehr schwierig werden kann sich voreinander zurückzuziehen. Das bedeutet, dass alle Probleme bis abends geregelt sein sollten, oder zumindest beiseite gelegt, oder ignoriert werden können. Oder einer muss auf der Couch schlafen.

Das führt wiederum mit der Zeit dazu, dass bestimme Streits einfach nicht wirklich geführt werden können. Es fehlt ein Abstand. Am Anfang sieht das dann vielleicht so aus, als sei die Beziehung zwischen dem Paar eine besonders harmonische. Es gibt eben einfach keine Probleme miteinander. Aber hier muss sich eine Frage dann doch gestellt werden: Wie würde es denn überhaupt funktionieren, wenn einer der beiden wirklich ein größeres Problem Thema mit dem anderem hätte? Ist es durch diese Situation nicht deutlich schwieriger das anzusprechen?

Ist Symbiose also gut oder schlecht?

In einer monogamen Situation ist so ein Arrangement also vorteilhaft, weil beide so wirklich heftige Auseinandersetzungen vermeiden. In einer offenen Beziehung ist dieses Arrangement aber eine kleine Katastrophe. Denn früher oder später wird festgestellt, dass zwei unterschiedliche Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben und manchmal sogar unterschiedliche Werte. Und das kann vorher sogar gar nicht klar gewesen sein. Sie waren ja auch nicht relevant.

Symbiose zwischen Partnern ist also ein zweischneidiges Schwert. In monogamen Beziehung funktioniert sie oft als Kitt zwischen den beiden Menschen. Das gilt insbesondere wenn die erste Phase der Schmetterlinge im Bauch abgeklungen ist und auch die zweite Phase schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat.

In einer nicht-monogamen Beziehung ist Symbiose aber etwas, das wir vermeiden und eventuell sogar verlernen müssen. Es kann dabei schwierig sein die Balance zu halten zwischen füreinander da sein, und in Symbiose wechseln. Es gibt hier jedoch durchaus einen Unterschied derer sich die meisten nicht-monogamen Paare bewusst sind. Die meisten monogamen Paare allerdings nicht – hier ist dieser Unterschied auch viel schwerer zu erkennen.

Fehlende Abhängigkeit

Abgesehen von der Symbiose zueinander haben monogame Beziehungen oft auch eine nicht unerhebliche Abhängigkeit zueinander. Das Problem ist aber gar nicht unbedingt die Abhängigkeit. Das Problem ist eher, dass diese Abhängigkeit voneinander oft romantisiert wird.

Was soll mensch auch sonst machen, außer sie zu romantisieren? Nehmen wir mal an, jemand würde diese Abhängigkeit nicht wollen. Da wird es je nach dem, wie weit Abhängigkeit voneinander schon besteht, sehr schnell sehr teuer und kompliziert. Es müssen allerlei Dinge die normalerweise „halt so gemacht werden“ auf einmal umgedacht werden. Der Antrieb hierfür fehlt normalerweise einfach. In der Folge wird stattdessen schön geredet und gedacht. Damit man ignorieren kann, dass eine Trennung eventuell mit ziemlichen Problemen verbunden wäre. Und vielleicht denkt mensch dann auch nicht allzu viel darüber nach, dass das eine Trennung schon lange überfällige wäre.

In einer nicht-monogamen Beziehung sind diese gegenseitigen Abhängigkeiten durchaus auch möglich. Und sie kommen auch oft vor. Sie werden aber oft nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit eingegangen, wie in monogamen Beziehungen. Und sie müssen vor allem nicht romantisiert werden. Abhängigkeiten können klar benannt werden und es kann sich zusammen überlegt werden ob sie überhaupt erwünscht oder nicht. Und ob es vielleicht andere Optionen gibt.

Theoretisch wäre das alles auch in monogamen Beziehungen möglich. Aber das ist ein bisschen so, wie mit seiner Chefin zu besprechen, welches Gesamtgehalt für nächstes Jahr in Frage kommt. Das geht, wenn ein gutes Verhältnis zueinander besteht. Aber es irgendwie Quatsch zu glauben dass das Gespräch unbeeinflusst von gegenseitigen Abhängigkeiten oder Interessen wäre.

Fehlende Besitzansprüche

In einer nicht-monogamen Beziehung fallen früher oder später meistens die Besitzansprüche weg. Zumindest in einigen Teilen, wie zum Beispiel den sexuellen Kontakten.

Wenn das aber der Fall ist, fürchten monogame Beziehungen in der Regel um ihre Exklusivität. Fehlende Besitzansprüche in einer monomane Beziehung sind in den Köpfe oft gleichbedeutend mit der Angst: Er/Sie interessiert sich ohnehin nicht für mich und ihm/ihr ist die Beziehung oder der Erhalt der Beziehung nicht wichtig. Und manchmal stimmt das sogar.

Während ich also in einer monogamen Beziehung Besitzansprüche haben kann und diese sogar auf nachvollziehbaren Ängsten beruhen, muss ich diese in nicht-monogamen Beziehungen los werden.

Und leider gibt es da auch noch dieses kleine Detail. Im Wort Besitzansprüche steckt auch das Wort Besitz. Und Menschen können nun mal einfach kein Besitzt sein und sollten es auch nicht.

Eifersucht

Auto angezündet
Ach so er hat sie betrogen? Na dann ist ja verständlich.

In eine ähnliche Kategorie fällt das Thema Eifersucht. Eifersucht an sich ist in monogamen Beziehungen oft hoffnungslos romantisiert. Jemandem der „berechtigt“ eifersüchtig ist, wird nahezu alles verziehen. Zu groß ist der dem gegenüberstehende Verrat, der durch einen eventuellen Seitensprung zustande kommt.

In einer offenen Beziehung wird stattdessen fundamental in Frage gestellt was hier überhaupt verraten wurde. Das Vertrauen zueinander? Wohl kaum, wenn man sich zusammen frei und freiwillig darauf geeinigt hat, dass der Partner mit anderen Sex haben darf. Die Exklusivität? Warum soll mich das belasten oder bedrohen? Schließlich bleibt der andere nicht mit mir zusammen, weil er keine besseren Alternativen hat, die er nicht ausprobieren darf. Er ist und bleibt mit mir zusammen, weil er mit mir zusammen sein möchte.

Mein Körper? Moment mal, mein Körper gehört doch mir und ich kann entscheiden, was ich damit tue.

Unsere gegenseitigen Arrangements? Vielleicht ist die offensichtlich unterschiedliche Einschätzung diesbezüglich ein deutliches Zeichen dafür, dass wir über unsere jeweiligen Werte und Lebensrealitäten sprechen sollten. Vielleicht dafür, dass mein Partner doch weniger verantwortungsbewusst ist, als ich das angenommen hatte. Oder vielleicht dafür, dass mein unterdrückter Freiheitsdrang mich doch deutlich unglücklicher macht, als ich das dachte.

Eifersucht ist also in monomane Beziehungen vor allem ein Warnsignal und eine Entschuldigung für diverse Grenzüberschreitungen. Manchmal ist Eifersucht sogar ein absurd romantisiertes positives Gefühl.

In offenen Beziehungen ist Eifersucht, eine Aufgabe und eine Chance. Eine Chance zu wachsen, sich selbst und den anderen besser zu verstehen. Die Beziehung neu zu definieren oder zu beenden, wenn sie nicht gut für mich ist. Eine Chance ganz viel an mir persönlich zu arbeiten und vernachlässige Anteile zu beachten und gern zu haben.

Teil 3/3 Echte Nachteile einer offenen Beziehung (aus meiner Sicht)

Zum Schluss kommen wir noch zu den Nachteilen, die auch aus meiner Sicht tatsächlich welche sind. Also die, die es in monogamen Beziehungen so nicht gibt.

Nervende Gespräche

Selbst wenn ich mit aufgeschlossenen Menschen rede, merke ich oft wie ich für mich völlig selbstverständliche Dinge erklären muss. Manchmal sind das einfach neugierige Fragen. Die kann ich einfach beantworten oder erklären, dass es für mich eben anders ist. Manchmal sind das aber auch komplexe Systeme und Zusammenhänge die in monogamen Denkweisen Sinn ergeben, die aber für offene Beziehungen Quatsch sind.

Und manchmal rede ich auch mit nicht aufgeschlossenen Menschen. Und das kann ganz schön anstrengend sein. Insbesondere wenn es Menschen sind, die mir nicht komplett egal sind. Wenn dann auf einmal von jemandem den mensch eigentlich gut leiden kann so was kommt wie:

„Du hast einfach noch nicht den/die Richtige gefunden.“ oder

„Ja, ich habe mir auch schon überlegt, ob ich vielleicht lieber nicht so ernste Beziehungen haben will. (Bonus für Frauen in offenen Beziehungen: Können wir dann jetzt also Sex haben?)“ dann rollen sich mir regelmäßig die Fußnägel hoch.

Ich habe wenigstens noch den Vorteil, dass ich auf die Erklärung dass mensch ja so leben kann, so lange keine Kinder da sind, antworten kann, dass ich das durchaus kann. Wenn ich dann noch erwähne, dass ich selbst Kinder habe, wird es meistens still. Menschen die keine Kinder haben können an dieser Stelle oft nur noch gequält lächeln und entweder mit:

„Ja Mama/Chef.“ oder „Ich muss dann jetzt mal los.“ antworten.

Subjektiv und objektiv wahrgenommene Feindseligkeit von außen

Wo es freundliche Gespräche und weniger freundliche Gespräche gibt, gibt es manchmal auch offene Feindseligkeit. Je nach dem in welchem Umfeld du dich bewegst, kann das eher eine subjektive Wahrnehmung sein oder eine ganz objektive Einschränkung.

In einer offenen Beziehung muss ich damit umgehen können, dass ich von der Norm abweiche. Und leider bedeutet das auch, dass sich grundsätzlich alle die diese Norm erfüllen, das Recht heraus nehmen, mich in Frage zu stellen.

Es kann auch sein, dass ich ganz offenen dafür angefeindet werde. Das führt dazu, dass mir dann erklärt wird, dass wie ich lebe nicht gut sei für:

  • die Familie
  • die eigene Gesundheit
  • den eigenen Geisteszustand
  • den eigenen Partner(grundsätzlich wird hier nur einer als „richtiger“ Partner akzeptiert)
  • die Kinder
  • die Gesellschaft
  • die evolutionäre Programmierung(?!was?)
  • gegen die Natur
  • gegen Gottes Willen
  • die Heiligkeit der Ehe

Und so weiter und so weiter. (Ja alles so schon selbst gehört…) So lange das nur Gerede ist, kann es mich nur psychisch belasten.

Es kann aber durchaus sein, dass auch tatsächliche Einschränkungen folgen. In Deutschland ist das eher selten und eher subtil, kann aber vorkommen. Und wenn es vorkommt, ist es natürlich gar nicht schön.

Hohe Anfangsinvestition

Wenn ich eine offene Beziehung starte und ernsthaft vor habe in diesem System zu verweilen, oder sogar polyamor oder beziehungsanarchistisch zu leben, dann muss ich auf einmal eine ganze Menge umlernen. Was genau das alles ist, führe ich hier jetzt nicht weiter aus. Weiter oben habe ich ja schon einiges angedeutet.

Das Problem ist aber, dass sich das alles nicht einfach von alleine lernt. Ich habe mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass fast jeder den ich kenne, der sein Beziehungsmodell gewechselt hat, erst mal 1-3 Jahre Achterbahnfahrt gebucht hatte.

Die drei Jahre waren dabei eher die Hausmarke, wenn die Entscheidung als Single, oder mit dem vorher monogamen Partner getroffen wurde. Ein Jahr gilt eher für Menschen, die eine Beziehung eingehen mit jemandem, der diese Phase schon hinter sich hat. Hier wird viel Wissen durch unbewusste Nachahmung und quasi „Osmose“ schneller vermittelt.

Und das ist einfach eine Investition die überlegt sein will. Eine Entscheidung für die ich stabil genug sein sollte. Kann ich drei Jahre lang eine sich unsicher anfühlende Beziehung aushalten? Bin ich in der Lage die Arbeit, die notwendig ist, zu leisten und meine eigene Eifersucht kennen zu lernen und zu verarbeiten? Kann ich mir die Zeit nehmen in mich hinein zu hören und verstehen was ich eigentlich will? Und mit wem? Oder kann es sogar sein, dass sich meine Bedürfnisse häufig ändern? Ist es möglich, dass ich diese Tatsache erst von meinem Ich-Bild und meiner Selbstwahrnehmung entkoppeln muss?

Und wenn ich dann fertig bin damit?

Und selbst wenn ich das alles schon hinter mir habe: Habe ich wirklich Lust nur noch Partner zu daten, die auch offen oder polymor sind? (Die noch dazu meistens brechend volle Terminkalender haben?) Oder möchte ich stattdessen Partner daten, die das noch nicht gelebt haben? Möchte ich in Kauf nehmen ein Jahr lang erheblichen Turbulenzen in mir selbst und meinen bestehenden Beziehungen ausgesetzt zu sein?

Das alles sind Punkte, die durchaus ganz real dazu führen können dass jemand diesen ganzen Stress (gerade) lieber nicht haben möchte. Auch dann nicht, wenn nach diesen 1-3 Jahren viel gelernt ist und viel persönliche Entwicklung stattgefunden haben wird, die mir auch ganz unabhängig von meinen Beziehungen etwas bringen kann.

Fehlende Referenzpunkte und Gesprächspartner

In der romantischen Komödie von heute sehe ich manchmal Dreieckskonstellationen. Allerdings sind diese fast nie ohne Drama. Zugegeben auch die monogamen Beziehungen im Fernsehen und auf Streaming-Diensten sind meistens eher dramatisch. Aber ich habe einfach viel mehr eine Idee davon, wie eine funktionierende monogame Beziehung aussehen könnte. Ob das dann so gesunde Ideen sind, sei dahingestellt. Aber ich habe eine grobe Orientierung. Und das noch bevor ich überhaupt selbst das erste mal eine Beziehung eingegangen bin.

Aber an wen wende ich mich, wenn ich eben nicht monogam bin? Wenn ich nicht gerade durch Zufall Eltern oder nahe Angehörige habe, die das schon so gelebt haben, als ich angefangen habe mich für Beziehungen und Sexualität zu interessieren? Dann muss ich jetzt erst mal auf die Suche gehen. Im ungünstigen Fall bin ich so dermaßen ahnungslos, dass ich nicht mal weiß, dass es für das, was ich möchte einen Namen gibt.

Verwirrt"
War ich jetzt noch mal single polyamor oder doch egalitär beziehungsanarchistisch?

Und selbst wenn ich dann durch das Internet Quellen und Referenzen finde: Wen oder was davon nehme ich dann als Vorbild? Es gibt ein paar Bücher die ich lesen kann. Aber schließlich ist eine offene Beziehung im Kern eine hochpersönliche Entscheidung für ein meist sehr spezifisches Beziehungskonstrukt. Es gibt also einfach kein Schema F mehr nach dem ich alles abhandeln kann. Mir fehlen die Referenzpunkte.

Das ist ein Problem, was sich leider auch durch die wachsenden Communitys und Nachschlagewerke nicht lösen lässt. So lange Monogamie die massiv vorherrschende Beziehungsform ist, werde ich, wenn ich mir nicht explizit neue Freunde suche, kaum schon welche haben, mit denen ich über solche Themen auf Augenhöhe reden kann. Und das fehlt einem manchmal.

Another fucking chance to grow

Das es zu viel persönliche Entwicklung geben kann, ist wohl ein Problem, was kaum jemanden wie der polyamoren Community so gut bekannt ist. Es gibt sogar die Bezeichnung dafür: Another fucking chance to grow.

Eine weitere verfickte Möglichkeit zu wachsen. Yay.

Wenn du das nicht nachvollziehen kannst, hast du vermutlich die oben erwähnten 1-3 Jahre Eingewöhnungszeit noch nicht hinter dir. Aber glaub mir, diesen Enthusiasmus den man am Anfang hat, etwas neues, außergewöhnliches und sexuell befreiendes entdeckt zu haben, den brauchst du auch. Denn die Möglichkeiten sich als Person weiter zu entwickeln sind nahezu endlos. Ich lebe zum Zeitpunkt dieses Textes seit 15 Jahren polyamor. Ich habe eine schon fast unfaire Startposition gehabt, dass auch meine Eltern schon polyamor waren. Und trotzdem gibt es immer wieder noch Dinge, die ich lernen muss. Nicht mehr unbedingt was Beziehungen und Eifersucht betrifft, oder überhaupt Beziehungsgestaltung.

Aber eine polyamore Lebensführung ist fast naturgemäß dynamischer als eine monogame Lebensweise. Immer wieder verändern sich hier und da Kleinigkeiten. Und immer wieder bringt das etwas ins Rollen. Manchmal nur eine kleine Anpassung des Selbstbildes wie abhängig ich von Zuneigung bin. Manchmal größere Sachen, wie die eigene sexuelle Orientierung. Und manchmal ganz gewaltige Sachen, die einem klar machen, dass es jetzt wirklich wieder mal Zeit ist zu wachsen. Wachsen zu müssen.

Ich persönlich werte das für mich als Vorteil und würde es nie anders wollen. Aber manchmal will ich mir auch die Decke über den Kopf ziehen und einfach meine Ruhe haben. Und eben nicht ständig ein besserer Mensch werden müssen. Und wenn dieses Gefühl bei dir schneller oder häufiger da ist als bei mir, dann kann das ein ganz gewaltiger Nachteil sein.

Logistikprobleme

Fahre ich jetzt eigentlich mit Claudia, oder mit Markus in den Urlaub? Oder mit beiden? Aber muss ich dann auch Karla mitnehmen, die Partnerin von Markus? Aber Claudia hat keine Lust mit Karla in den Urlaub zu fahren.

Überplant
Immer schön den Überblick behalten.

AAAAAAH DER GOOGLE KALLENDER IST AUSGEFALLEN! WOHER WEISS ICH JETZT MIT WEM ICH HEUTE ÜBERNACHTE?

UND WANN WAR NOCHMAL DER GEBURTSTAG VON DEM KIND VON MEINEM METAMOUR?

Tja solche Probleme gibt es in monogamen Beziehungen nicht…

(Ich gebe zu hier hätte ich mehr schreiben können, aber ich hab noch nen Termin.)

Zu wenig Langeweile

Alles in allem können viele der echten Probleme in offenen Beziehung damit zusammen gefasst werden, dass es einfach zu wenig Langeweile gibt. Oder negativer formuliert, dass es zu wenig Ruhezeiten und Zeiten zum ausruhen für einen selbst gibt. Das ist von daher etwas absurd, weil durch die oben genannte Symbiose und gegenseitige Abhängigkeit in monogamen Beziehungen oft noch viel weniger Raum für einen selbst da ist.

Aber hier wird es oft weniger überhaupt als Nachteil wahrgenommen.

Gerade wenn ich mit psychischen Problemen zu tun habe, oder einfach noch größere persönliche Baustellen habe, kann das manchmal einfach zu viel sein.


Hat dir dieser Text geholfen, oder hat dir was gefehlt? Sind einige Punkte für dich vielleicht nicht nachvollziehbar oder du bist einfach anderer Meinung? Schreib es mir in die Kommentare!

Viele Grüße,

Leo

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