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Trend zur Nicht-Monogamie mit Umfrage Statistik gemessen?

Vor zwei Wochen kam eine neue Statistische Erhebung von YouGov heraus, die in der Populär-Presse kurze Zeit für Aufmerksamkeit sorgte. „Nur die Hälfte der Millenials will noch Monogamie“ heißt es in den Titeln zum Beispiel. Ich habe die tatsächlichen Daten für euch heraus gesucht und etwas tiefer gehend und genauer interpretiert.

Es geht um diese Umfrage hier von YouGov: https://today.yougov.com/news/2016/10/03/young-americans-less-wedded-monogamy/

(Direktlink zu den Umfrageergebnissen hier klicken)

Als aller erstes muss man sich wieder fragen:

 

Taugt die Umfrage etwas?

Es handelt sich um eine Web-Umfrage von 1000 US-Bürgern. Diese wurden aus einer bereits vorher bestehenden Datenbank zufällig ausgesucht, wobei darauf geachtet wurde bezüglich Geschlecht, ethnischer Herkunft, Rasse, Bildung, politischer Gesinnung und Region repräsentativ zu bleiben.

Allerdings steht auf dem letztem Blatt der Umfrage auch, dass 20 Fragen nicht in der Umfrage wiedergegeben wurden. Das kann bedeuten, dass hieraus noch andere Ergebnisse gewonnen werden sollen. Es kann aber leider auch bedeuten dass hier Rosinen Pickerei betrieben wurde, um zufällig signifikante Ergebnisse als wertvoller darzustellen als sie tatsächlich sind.

Alles in allem ist diese Umfrage also in ihrer Qualität als mittelmäßig zu bewerten. Sie sagt etwas aus, aber man sollte sie eher als Trend sehen und weniger als definitive Aussage über den Stand der gesellschaftlichen Normen in den USA. (Und damit indirekt auch bei uns.)

 

Was wurde gefragt?

In der Umfrage wurden die Ergebnisse auf insgesamt fünf Fragen in Prozentwerten und absoluten Zahlen gegeben.

Die Fragen lauteten:

  1. Auf einer Skala, auf der 0 komplett monogam und 6 komplett nicht-monogam ist, was wäre deine ideale Beziehung?
  2. Auf einer Skala auf der 0 komplett monogam und 6 komplett nicht-monogam ist, wie würdest du deine aktuelle romantische Beziehung beschreiben?
  3. Warst du jemals in sexuelle Aktivitäten mit jemandem involviert, mit dem Einverständnis deiner romantischen Haupt-Beziehung?
  4. Warst du jemals in sexuelle Aktivitäten mit jemandem involviert, OHNE das Einverständis deiner romantischen Haupt-Beziehung?
  5. Wie würdest du reagieren, wenn dein Partner gerne sexuelle Aktivitäten mit jemand anderem hätte? Antwortmöglichkeiten: „Es gibt keine Chance, dass ich das okay fände.“, „Ob ich das okay fände oder nicht hängt von der Situation ab.“ „Ich fände das okay.“ „Weiß nicht.“

Welche Kritikpunkte gibt es an diesen Fragen?

Nun zu aller erst wird nirgends gesagt dass nur Menschen mit Partner Teil der Umfrage waren. Von daher lassen einige Fragen einen gewissen Interpretationsspielraum zu. Ansonsten wirkt es etwas seltsam, dass ab Frage zwei konkret von romantischen Beziehungen die Rede ist, in Frage eins aber allgemein von „Beziehungen“. Es ist fraglich ob dies einen direkten Einfluss auf die Art der Antworten hat, wäre aber denkbar.

 

Die Ergebnisse von den ersten beiden Fragen

Was auffällt, ist dass während bei Fragen 1 und 3-5 fast alle der 1000 befragten geantwortet haben, auf die Frage 2 (aktuelle Beziehung) gerade mal 663 Personen geantwortet haben, ohne das dies irgendwie erklärt würde. Möglich und wahrscheinlich wäre, dass hier all diejenigen die aktuell keine Beziehung haben nicht geantwortet haben.

Unter diesem Punkt sind Fragen eins uns zwei (ideale Beziehung und aktuelle Beziehung) auch noch mal gesondert zu betrachten. Denn laut der Umfrage stellen haben nur 61% auf die erste Frage mit „komplette Monogamie“ geantwortet.

Auf die Zweite Frage haben allerdings 71% mit „komplette Monogamie“ geantwortet. Ohne die Differenz von fast 350 Personen könne man daraus also schlussfolgern dass etwa 15% (einer von sieben) sich in seiner monogamen Beziehung mehr Offenheit wünscht. Da aber eben leider bei der zweiten Frage so viele Befragte fehlen kann man das so nicht schlussfolgern. Dazu müsste man wissen ob die c.a.  350 Personen tatsächlich diejenigen sind, die aktuell keine Beziehung haben. Und wie viele von diesen Singles lieber keine komplette Monogamie hätten. Es könnte ja theoretisch sein, dass sich überdurchschnittlich viele Singles eine nicht-monogame Beziehung wünschen, wodurch die Differenz bei den Vergebenen verschwinden würde.

Interessant ist vor allem eines: Immerhin mindestens 30-40% wollen eigentlich keine komplette Monogamie in ihrer Beziehung.

Unter 30 sind es sogar knappe 50% die keine komplett monogame Beziehung wollen. Und genau das hat auch die Schlagzeilen in der Populär-Presse verursacht. Allerdings sind es auch nur insgesamt 7% die eine „komplett nicht-monogame Beziehung“ wollen. Die restlichen 43% sind irgendwo dazwischen angesiedelt, oder wissen gar nicht was sie wollen.

Ebenfalls erwähnenswert finde ich, dass gerade mal 43% der schwarzen und sage und Schreibe nur 35% der lateinamerikanischen US-Bevölkerung eine komplett monogame Beziehung möchte. Sämtliche anderen erfassten Kategorien sind nicht sonderlich erwähnenswert oder überraschend. Eine kleine Auffälligkeit gibt es noch beim Einkommen. Scheinbar wünschen sich Menschen mit zwischen 50 und 100 tausend Dollar Jahreseinkommen etwas weniger Offenheit als ihre reicheren und ärmeren Gegenstücke. Die Unterschiede sind aber zu gering um wirklich auffällig zu sein.

 

Die Ergebnisse von den Fragen drei bis fünf

In diesen Fragen geht es ums eingemachte. Also nicht mehr darum was ich gerne hätte oder angeblich gerade habe, sondern was ich tatsächlich schon getan habe. Und auf die Frage, ob sie mit dem Einverständnis ihres Partners mit jemand anderem irgendwie sexuelle Aktivitäten hatten, antworten immerhin 11% mit ja! Und außerdem 6% mit „Sag ich lieber nicht“, was vermutlich tendenziell auch eher als „Ja“ zu werten ist. Auch hier bleibt der Trend erhalten: Je jünger und weniger weiß, desto eher hatten die Befragten mit „Ja“ oder „Sag ich lieber nicht“ geantwortet.

Die nächste Frage mindert die Freude an den vielen nicht-monogamen Menschen etwas und lässt erkennen wie so hohe Zahlen an Nicht-Monogamisten zustande kommen konnten.

Denn auf die Frage, ob sie schon mal ohne das Einverständnis ihres Partners sexuelle Aktivitäten hatten, antworten ganze 19% mit ja und 6% mit „Sag ich lieber nicht.“

Besonders interessant ist aber, das hier die Alters-Differenzen nahezu verschwinden, die Differenzen in der ethnischen Herkunft aber nicht. Die alten haben ihre Partner also genauso oft hintergangen wie die jungen. Die jungen sind aber öfter mit dem Einverständnis ihrer Partner unterwegs.

Außerdem sind die nicht-weißen ähnlich wie die alten, sie holen sich lieber weniger das Einverständnis ihrer Partner. Man könnte an dieser Stelle also von einem etwas archaischem Weltbild der alten und nicht-weißen ausgehen, aber zum Glück gibt es ja noch die fünfte Frage.

In dieser wird nämlich die Gretchen-Frage gestellt: Was wenn dein Partner die gleichen Rechte möchte? Hier sagen konsistent zur restlichen Umfrage nur 68% dass sie das definitiv falsch fänden.

Und auch hier zeigt sich wieder die Dichtonomie zwischen jung und alt, denn je älter die Befragten werden, desto häufiger geben sie an „nicht okay“ damit zu sein dass ihr Partner mit jemandem anderem Sex hat.

Bei den nicht-weißen findet sich der in den vorherigen Fragen augenscheinliche Trend zur Betrügerei aber NICHT wieder. Denn die schwarzen und lateinamerikanischen sind deutlich öfter eventuell damit einverstanden, wenn ihre Partner noch jemanden außer ihnen hätten. Es scheint sich also eher um eine unterschiedliche Einstellung zu Kommunikation zu handeln, als um einen Werte-Unterschied.

 

Zusammenfassung

Folgende Dinge lassen sich über die 1000 befragten in den USA sagen:

  • Bei jüngeren Menschen gibt es einen Trend zur offenen nicht-Monogamie.
  • Betrogen wird durch die Bank weg überall ähnlich viel.
  • Auch bei ethnischen Minderheiten gibt es einen stärkeren Trend zur nicht-Monogamie als bei der weißen Bevölkerung. Diese reden allerdings lieber nicht so viel darüber, oder wissen nicht wie sie von alten Mustern weg kommen sollen.
  • Wenig überraschend: Je politisch liberaler, desto eher werden alternative Beziehungsformen in Erwägung gezogen.
  • Die Mittelschicht ist bezüglich Beziehungen etwas konservativer als die Armen oder die Reichen.
  • Wir wüssten gern was die 20 anderen Fragen sind, und hätten gern die 350 fehlenden bei Frage 2 in den anderen Fragen genauer aufgeschlüsselt.

Was kann man daraus für allgemeine Schlussfolgerungen für Deutschland, also für DEIN konkretes Leben ziehen?

Es tut mir leid dieses Resumee ziehen zu müssen aber: Leider erst mal nicht viel. Die Bevölkerung der USA ist mit der von Deutschland nur begrenzt vergleichbar. Und unsere ethnischen Minderheiten sind auch andere, als die in den USA.

Aber eine ganz vage Aussage kann man schon machen: Offene Beziehungen, in welcher Form oder Schattierung auch immer sind auf dem Vormarsch.

Und gerade die jüngere Generation kommt langsam auch auf die Idee, dass man das alles nicht heimlich machen muss.

Und das klingt doch eigentlich ganz zuversichtlich! :)

 

Viele Grüße,

Leo

 

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1 Kommentar

  • Antworten
    Ysabell
    Montag, der 22. April 2019 at 19:41

    Ein bisschen seltsam finde ich bei dieser Umfrage (und das kommt häufig bei solchen Umfragen vor), dass vor allem Frage 2 sich auf _eine_ romantische Beziehung bezieht – gerade wenn es um Monogamie bzw. nicht-Monogamie geht, ist das doch ein bisschen seltsam…
    Weiß nicht ob das Ergebnis dadurch beeinflusst wird, wahrscheinlich in dem Fall nicht. Aber komisch ist es trotzdem.

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